Fliegende Blätter — 48.1868 (Nr. 1173-1198)

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Praktisch und Ideal.

(Fortsetzung.)

Treten wir an demselben Tage, den ein so vcrhängniß-
vollcr Abend in dem Hause dcö Asiessorö Albrecht Sccfcld
schloß, in dem neuen Hause des Assessors Eduard Gutheim
ein, so finden wir, daß auch hier die leichten Wölkchen dcö
Hochzeittagcö sich zn schweren von Blitzen durchzuckten Ge-
witterwolken gestaltet hatten.

In dem unteren Stocke des Wohnhauses in seinem Ar-
beitszimmer lag Eduard Gltthcim auf einem Sopha hinge-
streckt und blies große Ringe aus einer langen Pfeife in die
Luft, während ein finsterer Zug sein sonst so freundliches Ge-
sicht entstellte. Er schüttelte einige Mal während seiner stillen
Betrachtung mit dem Kopfe, wie zum Ausdrucke seines
höchsten Mißfallens. Jetzt blickte er nach der Uhr, die eben
die fünfte Nachmittagsstunde mit lauten Schlägen verkündigte.
Er sprang rasch auf und riß heftig an einem Glockenzuge,
der >>ch »eben der Thüre befand. Sogleich erschien ein Dienst-
mädchen, daö nach seines Herrn Begehren fragte.

„Gehe hinauf und frage, ob meine Frau bereit fei, mit
hinaus in iinsercn Gemüsegarten zu gehen," befahl Eduard
Gutheim.

Daö Mädchen verschwand, erschien aber sehr bald wie-
der mit der Meldung, die Frau Assessor sei noch nicht völlig
angeklcidet und habe auch keine sonderliche Lust, mit in den
Gemüsegarten zu gehe», der Herr Assessor solle nur einst-
weilen vorauSgchcn, sie werde vielleicht Nachkommen.

Eduard Guthcim ging nach Empfang dieser Nachricht
einigemal mit starken Schritten in dem Zimmer auf und ab,
setzte dann, nachdem sein Entschluß gefaßt war, rasch seinen
Hut auf, nahm seinen Spazierstock und stieg eilends in den
zweiten Stock des Hauscö empor.

Vor der Thüre zu dem Zimmer seiner Frau blieb er

jedoch stehen; ob auö einer gewissen Furcht, den Unwillen
seiner Gemahlin durch seinen unverhofften Eintritt zu erregen
oder auö Neugierde, wissen wir nicht.

AlS er einen Augenblick so stand, vernahm er eine be-
kannte, melodische Frauenstimme, die in den zartesten Tönen
rief: „Mein Papchcn, sei artig, mein Papchcn. Komm, friß
hübsch aus meiner Hand, nimm deinen Zucker, mache jetzt
auch dein Compliment, Papchcn!"

„Für den Papagei hat sic Zeit und nicht für ihren
Mann," murmelte der lauschende Ehemann zwischen den Zäh-
nen und gleich alö wenn daS, waö er gehört, seinen Muth
neu gestählt hätte, drückte er auf die Thürklinke und stand
einen Augenblick später vor Louise, seiner lieben Frau, neben
dem Käsig dcö Papagei, der eben mit seinem Schnabel ein
Stück Zucker anS der weißen Hand der Frau Assessor empfing.

Louise hatte offenbar durch daS Dienstmädchen nicht ganz
der Wahrheit getreu berichten lassen. Sic war völlig ange-
klcidct. Ihr Haar fiel noch, wie früher, in blonden Locken
biö zu dem blendend weißen Nacken herab, ein maigrüncS,
seidenes Gewand hüllte die zarte Gestalt ein, eine goldene
Uhrkette hing um den Nacken bis zum Gürtel hinab — cö
war eine bezaubernde, schöne Frau — und dieser Gedanke
mochte in diesem Augenblicke auch ihren Gemahl erfassen,
denn sein Auge ruhte wie staunend eine kurze Zeit auf der
herrlichen Gestalt. Louise setzte sich inzwischen in einen
weichen Lehnsessel vor ihrem Arbeitstische, auf dem Bücher,
Musikalicn und eine Briefmappe in buntem Durcheinander
auögcstrcut lagen.

„Du bist angcklcidct und wirst deßhalb jetzt mit mir
in den Garten gehen," sagte endlich Eduard, nachdem er sich
cm Herz gefaßt hatte.

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