Fliegende Blätter — 48.1868 (Nr. 1173-1198)

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Praktisch

1. Der Hochzeittag.

„Mütterchen, Du bist heute Morgen nicht so heiter, wie
sonst," sagte der alte Doktor Heim zu seiner wohl gleich-
alterigen Frau, indem er sie dabei etwas ärgerlich ansah.

! „So ist das Frauenherz," fuhr er dann, einen milderen Ton
i annehmend, fort, „erst freut sich eine Mutter, wenn der
Morgen angebrochen ist, an welchem ihre Töchter alö Bräute
begrüßt werden, — das ist daö A — wenn aber das L
kommt, der andere Morgen, an dem sie daö gewichtige „Ja"
sprechen, wo sie ihren Geliebten als Frauen folgen müssen,
j dann kann sich eine Mutter nicht darein finden. Geschieden
; muß sein, und ich habe mir das Scheiden leicht gemacht. Die
beiden Mädchen sind schon seit Wochen gefährlich kranke Pa-
. tientinnen — es ist Zeit, daß sie geheilt werden — und das
mag nicht anders geschehen, als bis das Sehnen des Herzens
nach dem Besitz des Geliebten gestillt ist — so lasse ich sic
denn mit leichtem Herzen ziehen."

„Verstelle Dich nur nicht," cntgegncte nun die Frau
Doktorin mit einem feinen Lächeln, „cs thut Niemanden mehr
weh alö Dir, daß uns die beiden Mädchen so auf einmal ge-
nommen werden. Du suchst Dir den Kummer wegzuscherzen,
aber während Du lachst, stehlen sich Thränen aus Deinen Augen."

„Aber , wenn Du das weißt, Mutter," begann der
Doktor, dessen Augen wirklich von einem verrätherischcn Feucht
getränkt schienen, „mache mir das Herz nicht noch schwerer.
Ich bin nun seit fünfundzwanzig Jahren gewohnt, Dich jeden
Morgen mit einer heiteren Stirne vor mir zu sehen — lasse
mich so Dich auch heute an dem Vermählungstage unserer Toch-
ter sehen, sonst muß ich traurig werden und Dein ernstes
Gesicht für ein schlimmes Vorzeichen für das eheliche Glück
unserer Kinder nehmen."

Frau Doktor Heim ließ nach dieser Anrede einen leisen

und Ideal.

Seufzer vernehmen, der den alten Herrn vollends um feine
gute Laune zu bringen schien. „Nun gar noch Seufzer,"
rief er, „was soll das bedeuten an einem Freudentag? Du
hast ein Geheimniß, Frau, das Du vor mir verbergen willst
und das vielleicht sehr nahe das Glück unserer Kinder an-
geht. Wie ist es? Ich hoffe, Du wirst Deinem Manne
nichts verbergen!"

„Nein, nein," begann die Frau Doktor wieder, „in dem
Sinne, wie Du wohl meinst, habe ich keine Sorge für das !
Glück unserer Kinder. Beide Schwiegersöhne sind, wie Du ;
selber weißt, sehr achtbare junge Männer, und alle Erkundig-
ungen, die wir über sic eingezogcn, haben dieses Urthcil be-
stätigt."

„Nun," warf Herr Doktor Heim ein, „siehst Du, was
braucht man sich denn da zu grämen? Es ist also nur der
Abschied, wovor Du Dich fürchtest."

„Davor fürchtest Du Dich am meisten, lieber Ludwig," '
fuhr die Frau Doktor fort, „die Trennungsstunde wird vor- i
übergehen und ich habe mich lange darauf gerüstet, da cs '
eben nicht anders sein kann. Nein, ich habe eben so manch-
mal meine Gedanken, die mich nicht ganz sorgenfrei in die
Zukunft unserer Kinder blicken lassen. In den letzten Wochen
hatte ich Gelegenheit, die jungen Leute genau kennen zu
lernen, und da will es mir scheinen, als ob die Paare in
ihrem innersten Wesen nicht recht harmonirtcn. Du weißt,
unsere ältere Tochter Marie ist, wie man zu sagen pflegt,
eine tüchtige Haushälterin, ihr Sinn ist durchaus auf das
Praktische, auf die Verschönerung des häuslichen Lebens, so
weit sie die geschäftige Hand des Weibes darbieten kann, ge-
richtet. Dagegen ist Albrecht ein Schwärmer, der sich schwer
in daö gleichförmige, alltägliche Leben finden wird, bei dem
Alles eine poetische Weihe haben soll, was sich in Gedichten j

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