Fliegende Blätter — 68.1878 (Nr. 1693-1718)

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154 Fräulein

wor'n!! . . In, ja, Herr! ... I' Hab immer ein Aug' auf.
die Hanne g'habt . . . natürlich für — mein’ Buab'n, hab's
gern g'sehn, daß sie miteinand aufwachs’n. War' a' recht's
Weib für’n Matthies! Das war mein Gedanken, aber da ist
der Herr 'kommen, hat's Dirndl mitg'nommen und da ist mir
Alles über Zwerch 'gangen! denn der Steinmüller hat seine
Groschen, er braucht für sein' Sohn kein' Schwiegertochter, die
sich auf ihr Zu'bracht's spreizt! — Wie 's früher war, da
war' d' Hanne grad recht g'wesen . . . aber jetzt is die Sach'
wieder anders ... I' werd' mi nit irr'n! d' Hanne hat
mein' Buab'n gern, und da wär' halt, mein' ich, die Sach' doch
einfach. ..."

Scheffelberg, der dem Manne bisher ruhig, wenn auch
nicht ohne Ueberraschung zugehört hatte, fand sich nun doch
veranlaßt, ihn zu unterbrechen.

„Aber wer sagt Ihnen denn," rief er etwas ärgerlich aus,
„daß meine Tochter überhaupt an Ihren Sohn denkt!?"

„Es müßt', mein' ich", entgegnete der Steinmüller „ganz
aus der Weis' sein, wenn's nit der Fall wär'! . . Und der
Bader, i' bleib' dabei, er is ein Geriebener, er meint, er gibt
sein' Kopf, wenn's nit so is, wie er's 'raus'bracht hat! . ."

„Verzeihen Sie, Herr Steinmüller!" bekämpfte Scheffel-
berg seinen anfwallenden Verdruß. „Aber der Bader Specht
ist ein Plaudersack!"

„Kann sein, kann sein!" brummte der Steinmüller, „kann
aber auch nit sein!"

„Wenn's so wäre, wie Sie die Sache auffassen," erklärte
Scheffelberg, „so hätte ich doch die ganze Zeit über auch etwas
davon bemerken müssen! Nicht einmal der Name Ihres Sohnes
ist je über die Lippen meiner Tochter gekommen!"

„Kann schon sein", entgegnete der Steinmüller, „aber deß-
wegen Hab' i' doch recht! Verzeih'n S' Herr, aber die Dirndln
sind nit so gleich auszustudiren! . . . I' bleib' dabei. . . .
Aber reden wir gerad heraus! . . Bleiben wir bei der Stange!

. . Wenn die Hanne nit an mein' Matthies denkt, nachher is
nix weiter zu reden; wie aber, wenn er ihr doch im Herzen
steckt, was meint der Herr nachher dazu?" . . .

Schcffclberg wußte einen Moment lang nicht, was er darauf
antworten sollte, aber er gewann bald den richtigen Ausweg,
um aus den Zweifeln heraus zu kommen.

„Wenn die Hanne den Matthies will", sagte er langsam,
aber entschieden, „dann sollen die jungen Leute sich in Gottes-
namen haben!"

„Das ist gered't, wie ein Mann!" rief der Steinmüller
froh aus und drückte dabei dem Vater Hannens kräftig die Hand.

„So wollen wir der Sache auf den Grund kommen!"
fuhr der Steinmüller rasch fort. „Ich Hab' so einen Gedanken!

. . . Hent' am Abend machen Sie nur, daß die Hanne allein
im Garten is! . . . Ausreden lassen! . . . Wir zwei werden
dabei sein, natürlich so, daß sie uns nit sieht. . . Also es is
keine Gefahr dabei! ... das Andre sag' i' noch nit, aber
Unrecht's is nit dabei. . mein' Hand darauf! . . Also, Herr,
machen wir's so?"

Scheffelberg entschloß sich, auf den Vorschlag um so mehr
einzugehen, als ihm die Sache eigenthümlich genug erschien.

Dirndl.

und er selbstverständlich neugierig war, auf welche Weise der
Steinmüller die Erkenntniß herbeiführen wolle, ob die Hanne
den Matthies liebe oder nicht?!

„Mein Wort darauf", sagte der Steinmüller beim Fort-
gehen schmunzelnd, „daß der Steinmüller nit dumm is, und
daß er nix unternimmt, was ihm Unehr' macht. Also Abends
zwischen 8 und 9 Uhr bin i' da!"

Damit schieden die beiden Männer.

Am folgenden Abend — die Sterne funkelten bereits am
Himmel —• grübelte Hanne darüber nach, was es denn zu
bedeuten habe, daß ihr der Vater gegen alle sonstige Hausord-
nung aufgetragen hatte, um die bestimmte Stunde seiner im
Garten zu warten. Eine Viertelstunde war bereits vorüber,
und Hanne setzte sich ermüdet vom Auf- und Abgehen auf eine
Gartenbank. Das sinnende Mädchen stützte sein Haupt in
die eine Hand und zerpflückte in Gedanken mit der andern eine
Blume. Ein würziger Duft wehte über sie hin, er mahnte
sie an die Abende ihrer Heimath. Ein tiefer Seufzer entwand
sich der Brust des Mädchens.

Da drang plötzlich von außerhalb des Gartens her eine
Stimme an Hannens Ohr. Sie horchte hoch auf. Sie ver-
nahm folgende Strophe eines Liedes ihrer Heimath von einer ihr
bekannten Stimme gesungen:

„Mein Herz, des g'hört Dir,

Nimm mei' Hand aa' dazu,

Uud wenn D'st ma's nit annimmst,

So Hab' i' kein' Ruh!" —

„Der Matthies!" lispelte das Mädchen, indem es plötzlich er-
bleichend aufstand und mit der Hand an's Herz fuhr.

Die Stimme des Sängers fuhr fort:

„Schlag ein, Du mein Schatz,

Du riskirst nix dabei,

I bin a' wen'g lusti',

Aber derentweg'n treu!"

Während Hanne jeden Laut, jede Silbe des Liedes in sich
nachtönen ließ, befiel sie ein leises Zittern der Erregung. Sie
näherte sich unwillkürlich der Gartenmauer, hinter welcher der
Sänger verborgen sein mochte, und leise, aber für den Nahen
immer hörbar, sang das Mädchen mit bebender Stimme:

„Daß D' halt an mi' denkst.

Ja, das g'freut mi' schon recht, —

Es geht halt nit allweil
A so, wie man möcht'!"

Daß an dem verborgnen Freunde keine Silbe davon verloren
gegangen war, bewies ein lauter Jauchzer der Freude, der
hinter der Mauer losbrach. Aber im nächsten Augenblicke er-
schien eine Mannesgestalt auf der Mauer. Halb erschreckt,
halb freudig ergriffen stand das Mädchen da. Matthies war's,
der jetzt mit einem kühnen Satze in den Garten sprang.

„Hanne!"

„Matthies!"

Sie hielten sich einige Sekunden innig umschlungen. Bald
aber suchte sich das von seinen Gefühlen so plötzlich über-
wältigte Mädchen von dem stürmischen Burschen los zu machen.
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