Fliegende Blätter — 68.1878 (Nr. 1693-1718)

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Ein fromm er T obias.

„Wenn man mich fragt, muß ich wohl Antwort geben,"
meinte die Kleine schnippisch und hing zugleich der jungen Lady
den schweren Reisemantel um.

„Ich fragte nur, ich meinte —" entschuldigte sich der
Wirth, „wenn es kein so dringendes Geschäft wäre, daß die
Damen dasselbe aufschieben könnten."

„Aufschieben?" rief die Zofe, „wo denken Sie hin. Sie
Unmensch! Ein Geschäft kann man anfschieben, aber einen
Bräutigam nimmermehr!"

„Ja, allerdings, ja," sprach der Wirth, „aber ich hielte
dafür, daß die Ladies doch erst am Morgen fahren sollten,
damit Sie die Honnslow-Haide bei helllichtem Tage passiren.
Nachts treibt sich dort, so zu sagen, allerlei Gesindel herum."

„Wie? ist es gefährlich dort zu fahren?" siel lebhaft die
junge, blühend schöne Lady Arabella Wells ein. Ihre blauen
Augen leuchteten dabei vor Vergnügen.

„Es gibt dort allerlei Kostgänger Gottes," erklärte der
Wirth, „zudringliche Bettler, Zigeuner, Diebe und sogar Räuber!"

„Räuber! echte Straßenrüuber?" rief Lady Arabella, „das
ist ja sehr interessant!"

„Ich finde das weniger," unterbrach Lady Wells kurz und
trocken ihre schwärmerische Tochter, „diesen seltsamen Geschmack
erzeugt wohl das Lesen der Romane; ich werde Sir Ravenglaß
warnen, Dir noch welche in die Hand zu geben, wenn Du erst
seine Frau bist!"

„Aber erzählen Sie doch," bat die Zofe.

„Nun, es war vor einigen Jahren allerdings viel ärger
als es jetzt ist," sagte der Wirth, „damals konnte man sicher
sein, zu jeder Stunde ans der Honnslow-Haide irgend einem
Tobias zu begegnen."

„Tobias? was ist das?" fragten die drei Frauen zugleich.

„Ein Straßenrüuber in der Diebssprache," entgegnete der
Wirth mit sichtlichem Behagen, „einer jener Ritter des Steg-
reifes , welche aus Desperation oder bloßem Vergnügen in
Dunkelheit oder Nebel den Kutschen, Reitern oder auch Fuß-
wnnderern auflauern, sie eben so artig als entschieden in die
Mündung einer Pistole blicken lassen und ihnen dann alles
Ueberflüssige abnehmen, wenn sie jedoch Widerstand finden, auch
vor einem Kampfe nicht zurückschrccken und ihre Opfer dann
oft auf die grausamste Weise geradeaus in den Himmel spediren."

„Entsetzlich!" murmelte die Lady, „ich habe wohl zu
Hanse in Somerset gehört, daß die Umgegend von London un-
sicher ist, aber so arg habe ich es mir nicht gedacht!"

„Und Sie sagen, daß es auch Straßenräuber gibt, die
dieses Gewerbe nicht des Gewinnes wegen treiben, also eine Art
fahrender Ritter, wie sie in den alten Chroniken geschildert
werden!" fiel Lady Arabella ein.

„Gewiß, gewiß!" bekräftigte der Wirth, „obwohl der ge-
fürchtetste Tobias M'Lenn vor einigen Jahren den Baum von
Tyburn geziert hat —"

„Baum von Tyburn, was ist das?" unterbrach die junge
Lady immer neugieriger.

„Der Galgen, Lady," sagte der Wirth, „an dem der
berühmte Räuber aufgeknüpft wurde. Trotzdem gibt es aber
noch immer Leute aus allen Ständen, ja sehr vornehme Leute,

welche bei Hofe Zutritt haben und die nach dem Vesperläuten
ihr Gesicht schwärzen, oder eine Larve vor das Gesicht nehmen
und mit der Pistole in der Hand dem Tobias in das Hand-
werk pfuschen!"

„Unglaublich!" sprach Lady Wells.

„Und doch wahr!" seufzte der Wirth, „und eben deßhalb
wäre es besser, noch die Nacht hier zuzubringen."

„Ah! so steht es!" spottete die Zofe, „deßhalb erzählt
Ihr uns so gräuliche Dinge, damit wir Euch noch einmal
Eure unverschämte Zeche bezahlen. Ich merke es wohl, Ihr
seid einer der Räuber von der Hounslow-Haide, nur setzt Ihr
uns statt der Pistole Euere doppelte Kreide auf die Brust.
Nichts da, wir haben einen Bräutigam in London, einen
schönen Offizier der Garde — wißt Ihr, was das heißt? Da
gibt es keinen Aufschub!"

„Auch Ich denke, wir fahren," sagte Lady Wells, ihre
Tochter ansehend, welche znstimmend nickte.

Eben traten zwei Knechte ein, luden das Gepäck der
Damen auf die Schultern und diese stiegen langsam die steile
Treppe hinab, um sich in ihrer riesigen Arche Noah für die
lange Fahrt so bequem als möglich einzurichten. Rückwärts
wurde der große Bettsack angeschnallt, die anderen Stücke wurden
unter die Sitze geschoben, dann nahmen die drei Frauen ihre
Plätze ein und pfropften, was noch an leerem Raum übrig
blieb, mit ihren Schachteln, Decken, Tüchern und Fächern voll.

Noch einmal verabschiedete sich der Wirth mit einer wohl-
gemeinten Warnung und einem tiefen Kompliment, dann ließ
der dicke Kutscher, der sich gleichfalls in seinen großen Mantel
mit einem Dutzend übereinander gehefteter Krügen gewickelt
hatte, die lange Peitsche knallen, die Pferde zogen an und die
Kutsche rollte majestätisch davon.

Anfangs ging Alles gut. Die Zofe schwatzte unausgesetzt,
die Damen hörten ihr zu und lachten, oder neckten sie durch
Zweifel, welche sie gegen ihre Behauptungen und Geschichten
erhoben, der Kutscher seinerseits unterhielt sich mit seinen Pferden.
Von Zeit zu Zeit drückte Lady Arabella ihr hübsches, rosiges
Antlitz an die Wagenfenster, um die Gegend zu betrachten.
Mit Anbruch der Dunkelheit wurden Alle stille, schwere Nebel
stiegen auf und begleiteten die Kutsche gleich einem stummen
drohenden Heere von Gespenstern, die Zofe plauderte nicht
mehr und der Kutscher sprach nicht mehr zu den Pferden, ob-
wohl dieselben durch Schnauben und Wiehern seine Aufmerksam-
keit zu erregen suchten.

Mit einem Male hielt die Kutsche stille.

„Um Gotteswillen, was gibt es?" fragte Lady Wells,
und die Zofe klopfte an das Fenster, durch welches der breite
Rücken des dicken Kutschers sichtbar wurde.

„Ich habe nur die Laternen angezündet," antwortete er.

Wieder ging cs einige Zeit vorwärts, dann klopfte Lady
Arabella an das vordere Fenster: „Ist es noch weit bis zur
Hounslow-Haide?" rief sic nicht ohne ein heimliches Granen,
das sie aber um nichts in der Welt hingegeben hätte.

„Ich denke, wir sind mitten drinn," erwiderte der Kutscher
und trieb dann die Pferde kräftig an.

Die Zofe erzählte jetzt leise eine entsetzliche Mordgeschichte,
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