Fliegende Blätter — 75.1881 (Nr. 1875-1900)

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O- Zeilun gs -Expeditionen angenommen.

Erscheinen wöchentlich ein Mal.

P 1880.

Preis des Bandes .(26 Nummern) Jl 6.70. Bei dircctem
Bezüge per Kr e uz d and: für Deutschland und Oesterreich , xx\l 'HS
jti 7.50, für die anderen Länder des Weltpostvereins . -O0.

Einzelne Nummer 80

„Hahngikl"

oder

Die Gold Prinzessin und die schöne Am c lei.

Eine seltsame Histvria. (Nach einer Untersberg-Sage.) Non vr. Märjroth.

(Fortsetzung.)

8. Was der schönen Amclei ans der Wanderung
zum Untersberg begegnete.

Am Tage zuvor war Amelei nach dem Untersberg ge-
gangen, um nach der Anordnung des Doktor Pulvcrarius,
der übrigens noch am selben Tage von Salzburg, wo er so
Schlimmes erfahren, abrciste, nach der Blume zu suchen, lvclche
ihre Pflegemutter völlig gesund machen sollte. Amelei hatte
sich früher einer alten Freundin ihrer Mutter anvertraut, die
ihr bekannt war, daß sie Wege und Stege zu dem Wunder-
berge genau kenne. Die Alte aber schüttelte ihr schneeweißes
Haupt, nachdem sie hörte, was das junge Mädchen treibe, ans
den Untersberg zu steigen.

„Kind, Kind!" sagte die Matrone warnend. „Du weißt
nicht, was Du da wagst! Nicht die steilen Wege sind so
gefährlich, die Du wirst klettern müssen, aber der Spuk, der
Dich allenthalben umgeben, der Dich zu verlocken suchen,
der Dich in Gefahr zu stürzen sich bemühen wird! Denn
die Geister des Berges haben cs nicht gerne, wenn man das
Gestein ihres Bereiches, ihre Blumen, kurz Alles, was ans
ihrem Boden wächst, sich aneignen will! So gut sic oft sind,
wenn sic gerade die Rosenlaune haben, so neidisch sind die
Berggeister, und dann gar tückisch! — Nimm Dich in Acht!
Amelei, nimm Dich in Acht!"

Dem Mädchen schlug das Herzchen hierüber gar erschreck-
lich, daß man es durchs Mieder sah.

„Und ich gehe doch!" sagte sie endlich entschlossen. „Was
lväre ich ftir ein Kind, wenn ich für meine Mutter nichts
wagen wollte!"

„Du bist ein gutes, ein braves Kind!" redete ihr die
Alte zu, und strich Amelei die Haare. „Gehe nur immer zu.
Dein treues Herz und der liebe Gott werden Dich sicher führen.
Aber merke, lvas ich Dir sage: „Ich bin in meiner Jugend
viel aus dem Untersberg hcrnmgestrichcn, ich weiß also wohl,
was ich sage! Was Du auch immer ans Deinem Wege sehen und
hören wirst, das darf Dich nicht berühren. Wenn Du stumm
und ruhig Deiner Wege gehst, so wird all' das wieder in
Nichts zerfließen. Und nun gehe, Amelei. Ich werde für
Dich beten, und bei Deiner Mutter bleiben bis Du zurück-
kommst, und ich werde ihr auf Deinen Wunsch nichts sagen
von Deinem Vorhaben."

Und so nahm denn Amelei ihr Körbchen, that ein Stück
Brod hinein, und mit einem tüchtigen Stock versehen, trat sie
getrost ihre Wanderung an. Sie hatte zwei Stunden zu
gehen, bis sie an den Fuß des Wunderberges kam. Aber sie
war nicht ein bischen ermüdet, denn die gesunde Kraft ihrer
frischen Jugend war noch von dem Gedanken erhöht an das
Ziel ihrer Wanderung. Munter und muthig stieg sic den
Berg hinauf, wobei sic von manchem Eidechslein, das Heran-
geraschelt kam, mit klugen Aeuglein bewundert schien. Auch
die Vöglein flatterten vor ihr auf, setzten sich aus Stein und
Zweig und lugten sie, die Köpfchen nach ihr drehend, neu-
gierig an. „Das Ding ist gar lustig!" dachte Amelei und
wandcrte rüstig aufwärts.

Da standen auf einmal drei Bergmännchen vor ihr.
„Wohin?" redeten sie Amelei barsch und trotzig an.

Amelei, eingedenk der erhaltenen Warnung, schwieg.

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