Fliegende Blätter — 75.1881 (Nr. 1875-1900)

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Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- Preis des Bandes (26 Nummern) Jl (».70. Bei direktem

Handlungen, sowie von allen Postämtern und M Bezüge per Kreuzband: für Deutschland und Oesterreich . v\

Zeitungs-Expeditionen angenommen. v ^ 7.5V, für die anderen Länder des Weltpostvereins ^58—» "XXV.

Erscheinen wöchentlich ein Mal. Einzelne Nummer 30 -J.

„Hahngikl"

oder

Die Goldprinzessin und die schöne Amelei.

Eine seltsame Historia. (Nach einer Untersberg - Sage.) Bon Or. Märzroth.

(Fortsetzung.)

6. Wie die Prinzessin von Todesahnung erfaßt
luirb, und wie Hahngikl mit ihr einen sonder-
baren Vertrag macht.

„Ich habe ihn verstanden!" sagte die Prinzessin endlich
leise zu sich selbst. „Ich bin unrettbar verloren!....
Ach, soll ich wirklich in der Blüthe des Lebens, im reichsten
Besitze aller Lebensgüter scheiden von dieser schönen Welt?!
Kann denn die Natur, die mich gerade in dieser Stadt so
anmuthig lächelnd umgibt, von solch' einer eisig kalten Grausam-
keit sein?!.... Sterben!.... O, es ist ein entsetzliches
Wort! Es schneidet mit tausend scharfen Dolchen in die Seele!
....Sterben! Du Inbegriff des laut- und gefühllosen Nichts,
du bebender Gedanke an das Zerfallen alles warmen Lebens
in Staub und Moder!. .. Sterben! ... Und ich will nicht!
Ich wehre mich dagegen!..."

Sic faßte alle Energie ihres zarten Leibes zusammen
und wollte sich aufrichten, aber ihre Glieder waren wie ge-
lähmt, sie sank mit dem lieblichen Haupte matt in's Sammt-
kissen zurück. Ein Schauder erfaßte sie, sie wollte um Hilfe
rufen, aber die Stimme versagte ihr.... Zitternd, matt,
bis in die Lippen bleich, lag sie da, ein Opfer des Todes,
den ihre verglasenden Blicke scheu und angstvoll suchten. „O
komme!" ächzte sie, „komme, Tod, aber rasch, ich flehe dich
an, rasch, wenn es denn sein muß!...." Und Thränen
flössen unaufhaltsam aus den schönen Augen und zuckend hob
sich die junge, gepeinigte Brust.

Da erschallte mit einem Male in ihrer Nähe von einer
Stimme, die halb kindlich, halb männlich schien, folgendes Lied:

„Die. Welt ist schön, die Welt ist schön,

D'rum scheiden wir so schwer!

Wohin? Wohin? O Gott-, wohin?

Wer gibt uns Antwort, wer?

Nein, nein! Es kann, es kann nicht sein!

Es ist ja nur die Seele krank!

Da bin ich ja, da bin ich ja,

Kann helfen, Herzchen, Gott sei Dank!"

Bei der letzten Strophe des Liedes -trat ein kleines
Männchen in den Saal. Es war dasselbe, das wir schon
einmal im Hanse sahen. Mit freundlichem Gruße nahte cs
sich der staunenden Prinzessin. „Armes Kind," sagte das
Männchen. „Wie schwer mußt Dil doch leiden! . . . Aber cs
wird Alles lvicdcr gut werden. Deßhalb, mein Herzchen, bin
ich ja jetzt da." — „Wer bist Du?" lispelte die Prinzessin.
— „Der Hahngikl bin ich," erwiderte rasch und leichthin das
Männchen, und zwinkerte dabei listig mit den funkelnden Augen.
Es war als wiederholte die Prinzessin den genannten Namen
unhörbar mit den Lippen. „Da habe ich meinen Heiltrank,"
fuhr das Männchen fort, und zog eine Krystallphiolc ans der
Brusttasche. Eine Helle, tiefgrüne Flüssigkeit perlte darin. „Du
thnst einen Schluck nur davon, mein Goldherzchen," fügte das
Männchen iveiter hinzu, „und Dil bist wieder frisch und
gesund ivic früher noch nie." — „Ach, wenn das wahr wäre!"
rief die Prinzessin, und die wiedererweckte Lebenslust glänzte
in ihren Augen. „Närrchen, mißtrauisches!" lachte das
Männchen; „davon sollst Du ja gleich überzeugt sein." —
„Was soll ich Dir geben dafür?" sagte die Prinzessin und

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