Thür, Hilke; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 11,1): Das Hadrianstor in Ephesos — Wien, 1989

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100 Kunstgeschichtliche Bestimmung und Einordnung der Architekturornamentik
in Athen92 gefunden wurden, zeigen aber, daß dieser Kapitelltypus in der letzten Hälfte
des 1. Jh.s v. Chr. in Athen in Verwendung war93.
Obwohl die Lotus-Akanthus-Kapitelle weite Verbreitung in Griechenland fanden94,
scheint ihr Ursprung dennoch in Kleinasien zu liegen. Die Blattform des Lotusblattes
taucht zum erstenmal an Kapitellfragmenten im Tempel in Phokaia95 auf. Mehrere Blatt-
kranzkapitelle mit Lotusblättern sind an dem Propylon und den Hallen des Demeter-
heiligtums in Pergamon erhalten96. Nach der Bauinschrift ist die Stifterin Königin Appol-
lonia, die Gattin Attalos I, die nach Dörpfeld 97 die Kapitellform aus ihrer Heimat Kyzi-
kos mitbrachte.
Ein wichtiges Zwischenglied dürften die Kapitelle aus dem Innenraum des Grab-
males in Belevi98 sein. Sie werden im allgemeinen als Palmblattkapitelle bezeichnet. Sie
stellen eine Zwischenform der Palm- und Lotusblattkapitelle dar, da ihnen zwar die
charakteristischen konkaven Aushöhlungen fehlen, sie andererseits aber in einem runden
Blattüberfall enden. Der Baubeginn des Mausoleums wird an den Anfang des 3. Jh.s v.
Chr. datiert99, die Kapitelle sind somit älter als die des pergamenischen Demeterheilig-
tums. Für Ephesos ist der Blattypus dann erst wieder mit den schon erwähnten augustei-
schen Blattkranzkapitellen belegt. An ihnen taucht erstmals die Folge von einem Kranz
Akanthusblättern, einem zweiten Kranz mit Lotusblättern und dem von Pfeifenblättern
umgebenen Kalathos auf. Drei Kapitelle in der Osthalle der ,Marmorstraße4100 haben
anstelle des Abakus nur eine dünne runde Platte mit schmaler Deckleiste, ein ähnliches
Kapitell mit gestreckteren Proportionen im Museum in Sel^uk101 hat hingegen einen
quadratischen Abakus. Ein Kapitell aus Tralles im Museum von Aydin ist ähnlich auf-
gebaut. Es hat zwei Reihen Akanthusblätter und einen Kranz Lotusblätter, zwischen
denen die dreiteiligen Rippen weiterer Blätter hervorkommen. Aufgrund der Akanthus-
ornamentik ist das Kapitell noch hellenistisch. Den ephesischen Kapitellen läßt sich für
spätere Zeit ein Kapitell aus Milet anschließen, das dem Obergeschoß der Südstoa des
Nordmarktes102 zugeordnet wird. Die Stoa wurde im 2. Jh. v. Chr. errichtet, die Aufstok-
kung unter Verwendung von Lotus-Akanthus-Kapitellen erfolgte jedoch erst in römischer
Zeit103. Auch in Pergamon104 wurden Kapitelle mit Lotus- und Akanthusblättern gefun-
92 H. A. Thompson, Hesperia 19, 1950, 46 u. 86 Tat. 34a. b. 35 a. b.
93 Weitere Exemplare dieses Kapitelltypes wurden im Dionysostheater von Athen gefunden. S. dazu E.
Fiechter, Das Dionysostheater von Athen (1936) I Abb. 54; III 40 Abb. 14. 20, Taf. 14.
94 Zu weiteren Beispielen s. Börker, a. 0. 12lff. u. 134ff.
95 S. dazu Akurgal, Anadolu 5, 1960, lff. Abb. 2 b. (Datierung 2. Viertel 6. Jh. v. Chr.).
96 S. W. Dörpfeld, AM 35, 1910, 357f. Abb. 4 u. 5; s. jetzt insbesondere C. H. Bohtz, AvP 13, Das
Demeterheiligtum 18f. Abb. 4, Taf. 12,1 u. 2. 45. Die Blattkranzkapitelle sind aus Trachyt gefertigt. Der Kapi-
tellkörper ist von 16 schmalen, aufrecht stehenden Blättern umgeben, deren Spitzen leicht nach außen umbie-
gen. Die Eckblätter sind länger und ragen weiter unter die Abakusecken empor. Die dazugehörenden dori-
schen Säulen haben keine Basen.
97 S. dazu Dörpfeld, a. 0. 361.
98 C. Praschniker-M. Theuer, FiE VI 47ff. Abb. 37. 38. 41; S. 115. Zu den Kapitellen s. auch Bör-
ker, Blattkelchkapitelle 167f.
99 Zu der umstrittenen Datierungsfrage, über die sich Praschniker, AnzWien 85, 1948, 27lff. im vor-
aus geäußert hatte, s. insbesondere die von R. Fleischer in FiE VI 123ff. zusammengestellte Literatur; s.
auch den Beitrag Alzingers zur Datierung, ebenda 188ff.
100 S. dazu Alzinger, Aug.Architektur 93 Abb. 124.
101 Ebenda 94 Abb. 126.
102 S. dazu v. Gerkan, Milet 1,6 27f. Abb. 39. 40. Zur Stoa s. auchCouLTON, a. 0. (o. Anm. 28) 63. 259.
103 V. Gerkan, a. O. 97ff.; Coulton, a. 0. 91; zur Datierung des Kapitells vgl. auch Alzinger, a. 0. 94,
insbesondere Anm. 328.
104 S. dazu Ward-Perkins, JRS 38, 1948, 69 Abb. 11,3.
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