Quatember, Ursula [Editor]; Österreichisches Archäologisches Institut [Editor]
Forschungen in Ephesos (Band 11,2): Das Nymphaeum Traiani in Ephesos — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2011

Page: 69
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fie_bd11_2/0097
License: Creative Commons - Attribution - NoDerivatives
0.5
1 cm
facsimile
7. Skulpturenausstattung

ben, wie ein Ansatz im Bereich des linken Unterschenkels zeigt.
Auch in der rechten Hand dürfte der Gott ein Objekt getragen
haben, zumal unterhalb des Pantherfells ein Stiftloch (Dm ca.
0,5 cm) erkennbar ist, das der Fixierung eines solchen gedient
haben dürfte. Die Vorderseite ist geglättet, aber die Oberfläche
zum Teil abgewittert und versintert. Die Rückseite ist nur sum-
marisch angegeben; die Oberfläche in diesem Bereich ist grob
geglättet und weist Spuren von Zahneisen auf.
E. Pochmarski versuchte, das Werk in Zusammenhang mit
Alkamenes und seinem Umkreis zu bringen-'09; H.-U. Cain
widersprach dieser Hypothese: Seiner Ansicht nach handelt
es sich bei dem Typus um eine kaiserzeitliche Neuschöpfung
des Gottes als Triumphator, wie sich auch an Parallelen auf
Sarkophagen und Mosaiken zeigen ließe509 510.
Plinthe und Befestigungsspuren:
Jener Teil der etwas unregelmäßigen, vorne abgerundeten
Plinthe, auf dem ursprünglich der linke Fuß aufgesetzt hat, ist
abgebrochen. Die Länge muß ursprünglich mindestens 60 cm
betragen haben, die Tiefe mißt ca. 53 cm. Eine Einarbeitung für
die Anbringung einer vertikalen Klammer ist nicht vorhanden.
Als mögliche Träger der Skulptur sind die Basen B-2 sowie
eventuell B-10 zu nennen. Da B-10 jedoch eine Einarbeitung
für einen Wasserauslaß aufweist und der Seitenflügel als ver-
mutlicher Aufstellungsort in seiner ursprünglichen Konzeption
keine Wasserzuleitung besaß, ist anzunehmen, daß die Statue
auf B-2 aufgestellt war.
Kat. 4: Überlebensgroßer Jägerjüngling, Androklos (?) Taf. 119,1
Selpuk, EM, Inv. 773/1-2
Fundort: Vor dem westlichen Seitenflügel im Brunnenbecken des
Nymphaeum Traiani, 4. Oktober 19 5 7511. Fundnummer 57/236.
Material: hellgrauer Marmor, grobkörnig
Maße: erh. Höhe des Torsos 1,22 m; H des Baumstammes
1,14 m.
Literatur: Miltner, Bericht ÖAW 1957, 84; ders., Grabungsbe-
richt 1957, Beibl. 332 f. Abb. 177; Fleischer, Festschrift Eichler,
32 (D 6). 35 f. 50; Museumsführer Selpuk, 24-26; Fleischer,
Festschrift Kenner, 123; LIMC I 1 (1981) 766 (Nr. 7) s.v. An-
droklos (M.-L. Bernhard) 512; Aurenhammer, Idealplastik I,
124-126 (Nr. 104) Taf. 73; Weissensteiner, Dionysos-Statuen,
37-40; Auinger - Rathmayr, Ausstattung, 250 f.; Rathmayr,
Androklos, bes. 28.
Datierung: Da in der Oberflächenbearbeitung und der Behand-
lung der Gewandfalten Ähnlichkeiten mit den anderen zugehö-
rigen Statuen bestehen, ist von einer Datierung in traianische
Zeit auszugehen, wie dies auch M. Aurenhammer vorgeschlagen
hat513. Somit ergibt sich auch eine Zugehörigkeit zur Original-
ausstattung.
Beschreibung und Erhaltung:
Statue eines Jägers mit Hund. Erhalten ist der Torso vom Halsan-
satz bis zum Knie mit dem abgebrochenen, aber anpassenden
rechten Oberschenkel sowie den Ansätzen von linkem Bein
und beiden Armen. Als nicht anpassendes, aber zugehöriges
Fragment gilt ein Plinthenfragment mit Baumstammstütze, an
deren linker Seite ein Hund sitzt. Kopf und Körper des Hundes

509 Pochmarski, Dionysos, 67-69.
510 So Gabelmann, Zagarolo, 61 Anm. 371. Die dort angesprochene Arbeit von H.-U.
Cain, Dionysos-Statuen spätklassischer und hellenistischer Zeit (ungedr. Habilitation
Bonn 1991) ist leider nicht zugänglich. Zuletzt s. auch Weissensteiner, Dionysos-
Statuen, 19-28.
511 Der wörtliche Eintrag im handschriftlichen Tagebuch lautet: „Im vorderen Eck an
der Westwand Baumstamm mit darüber hängendem Gewandzipfel, rechts neben dem
Baumstamm anpassender Jagdhund in drei Fragmenten; Vorderbeine scheinen zu feh-
len. Daneben Körper mit entsprechend umhängendem Gewand eines Jägerjünglings
(Meleagertypus), der sicher zu dem Baumstamm gehört“.
512 Hier liegt eine Vermischung zweier Stücke vor: Während die angegebene Literatur
und die zugehörige Abbildung in LIMC I 2 eine Statue aus dem Vediusgymnasium
wiedergeben, die ebenfalls als Androklos angesprochen wurde (Izmir, Archäologisches
Museum, Inv. 45), meint die Beschreibung den „Androklos“ vom Nymphaeum Trai-
ani. Zum Androklos aus dem Vedius-Gymnasium s. Aurenhammer, Idealplastik I,
126-129 mit älterer Literatur.

sind ebenso wie die rechte Vorder- und die Hinterpfoten zwar
abgebrochen, aber erhalten geblieben und wurden modern zu-
sammengesetzt. An der Rückseite ist ein Teil der Stütze modern
geklebt. Besonders der Mantel des Jünglings und der Kopf des
Hundes sind bestoßen.
Die Figur folgt dem Typus des sog. Meleager, der allgemein
Skopas zugeschrieben wird514 *: Das rechte Bein bildet das Stand-
bein, das linke war etwas weiter nach hinten gestellt. Der heute
fehlende rechte Arm der Statue war am Rücken abgestützt, wie
ein dort noch sichtbarer Ansatz zeigt. Der ebenfalls fehlende
linke Arm stützte sich auf einen Speer. Die Stelle, an welcher
dieser auf der Plinthe ruhte, ist noch als Bruchfläche erkennbar.
Um die Schultern und vor die Brust des Jägers ist eine Chlamys
gelegt, die über der rechten Schulter von einer - heute großteils
abgeschlagenen - Spange zusammengehalten wird. Ein Teil des
Mantels reicht von der linken Schulter auf den Rücken herab.
In unmittelbarer Nähe des Bruchs der beiden Oberschenkel
lassen Bearbeitungsspuren im Bereich der Genitalien erkennen,
daß diese höchstwahrscheinlich sekundär abgearbeitet wurden.
Die Plinthe zeigt eine Baumstammstütze, an deren Seite ein
Gewandrest herabhängt. Zwischen Stamm und linkem Bein des
Jägers befand sich ein Steg. Der Hund trägt ein Halsband, dessen
Verzierung mit alternierend hegenden Ellipsen und anderen geo-
metrischen Formen offenbar Gemmen oder Beschläge imitieren
soll; der Kopf des Hundes ist dem Jäger zugewandt. Bei den
beiden bestoßenen Erhebungen an seinem Hinterkopf handelt es
sich vielleicht nicht um Meßpunkte'115, sondern möglicherweise
um die Stelle, an der die Spitzen der zurückgezogenen Ohren
des Hundes auflagen.
Die Oberfläche ist an der Vorderseite sehr sorgfältig, an der
Rückseite etwas gröber geglättet.
Bereits Miltner und Fleischer erkannten die Verwandtschaft
zum sog. Meleager des Skopas516. Ungeachtet der Interpretation
des ursprünglichen Typus als Jäger oder auch als hellenistischer
Herrscher517 scheint die mehrfach in der Literatur vorgeschla-
gene Interpretation der vorliegenden Statue als Androklos51,3 in
Hinblick auf Aufstellungsort und Ikonographie519 schlüssig. In
diesem Kontext paßt die Darstellung des Androklos auch gut
zur steigenden Beliebtheit von Gründungsmythen im 2. Jh.
n. Chr. Dadurch konnte die Abstammung aus Athen und das
hohe Alter der Stadt betont werden520. Gleichzeitig wäre es
möglich, daß es sich um eine mit den Attributen des Androk-
los ausgestattete Bildnisstatue handelte. E. Rathmayr äußerte
jüngst den Vorschlag, es könnte sich um eine Porträtstatue für
Ti. Claudius Aristion gehandelt haben521.
Plinthe und Befestigungsspuren:
Die Tiefe der Plinthe beträgt mindestens 63 cm; die Länge ist
auf Grund der fehlenden Teile nicht rekonstruierbar. Gemäß der
erhaltenen Tiefe wäre eine Aufstellung auf B-l, B-2 und B-8
möglich. Da jedoch die beiden erstgenannten Stücke höchst-
wahrscheinlich mit der Aufstellung von Kat. 2 und 3 zu ver-
binden sind und B-8 wegen seiner Höhe dem Obergeschoß
angehört haben dürfte, kann der Statue keine Basis eindeutig
zugewiesen werden.

513 Aurenhammer, Idealplastik I, 124.
514 Zum Typus s. LIMC VI 1 (1992) 415 (Nr. 3) s. v. Meleagros (S. Woodford); Vorster,
Vatikan. Museen II 1 63-66 (Kat. 25) Abb. 118f.
515 So vermutet Aurenhammer, Idealplastik, 124.
516 VgL den Tagebucheintrag Miltners bzw. Fleischer in Museumsführer Selpuk, 25;
Fleischer, Festschrift Kenner, 123.
517 Zusammenfassend dazu s. Vorster, Vatikan. Museen II 1, bes. 63 f.
518 So bereits Miltner, Grabungsbericht 1957, Beibl. 332 f. sowie mehrfach Fleischer:
Fleischer, Festschrift Eichler, 32 (D 6). 35 f. 50; Museumsführer Selpuk, 25; Fleischer,
Festschrift Kenner, 123.
519 Zur Ikonographie der Androklos-Darstellungen s. LIMC I 1 (1981) 765-767 s.v.
Androklos (M.-L. Bernhard).
520 Steskal, Gründungsmythen Ephesos, 59-62. Zum Statuenprogramm im Besonderen
s.u. Kap. 7.4.
521 Rathmayr, Androklos, bes. 28; Rathmayr, Skulpturenausstattung, 140 Tabelle 2.
Ulf.

69
loading ...