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Pülz, Andrea M.; Bühler, Birgit; Melcher, Michael; Schreiner, Manfred; Schwarcz, David Zsolt; Österreichische Akademie der Wissenschaften / Verlag [Contr.]
Byzantinische Kleinfunde aus Ephesos: ausgewählte Artefakte aus Metall, Bein und Glas (Band 18,1: Textband): Textband — Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 2020

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.51987#0014
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1 BYZANTINISCHE KLEINFUNDE: DIE MATERIALBASIS
Kleinfunde werden als Teile der materiellen Kultur definiert. Sie sind Aspekte sowie Ausdruck
von technischem Können, ökonomischen Verhältnissen, Handelsbeziehungen, religiösen und
künstlerischen Vorstellungen und dem täglichen Leben.
Die Kleinfunde der byzantinischen Periode beinhalten ein breites Spektrum an verschiedens-
ten Objekten und umfassen neben Schmuck und Kleidungsbestandteilen1 auch Gegenstände
und Geräte aus dem sakralen Bereich sowie Alltagsgerätschaften aller Art. All diese Artefakte
verfügen über eine große Spannbreite an Kontexten und Funktionen, die in vielerlei Hinsicht
auch mehrfach sein können: profan, sakral oder sepulkral, ländlich oder städtisch, institutionell
oder rituell, öffentlich oder privat, funktional, symbolisch oder ideell. Damit können sie als
eine Art Spiegel des täglichen Lebens betrachtet werden. Geht man davon aus, dass Artefakte
eine Reflexion des menschlichen Verhaltens sind, können sie Auskunft über Individuen und
deren sozialen Status innerhalb der Gesellschaft, persönliche Interaktionen oder auch soziale
Gruppen und deren Gewohnheiten geben2. Damit ist jedes Objekt als Verkörperung kultureller
Vorstellungen zu verstehen und funktioniert als Speichermedium, Informationsträger und Sym-
bol3. Das Byzantinische Reich besaß ein klar definiertes Klassensystem, das sich durch große
ökonomische Unterschiede auszeichnete. Dementsprechend indizierte besonders Schmuck den
sozialen Status der Träger und Trägerinnen und diente der Zurschaustellung des persönlichen
Reichtums4. Dieser besondere Stellenwert bedingte aber auch, dass gerade den Goldschmieden
der kaiserlichen Werkstätten in der sozialen Hierarchie und im öffentlichen Leben gegenüber
anderen Handwerkergruppen eine besondere Position zukam5.
Durch die Zirkulation der Artefakte (bedingt durch Handel, militärische Aktionen, Pilgerwesen
oder Migration) kann in weiterer Folge auf das Mobilitätsverhalten der Gesellschaft geschlossen
werden, womit auch Einblicke in komplexere Systeme wie soziale Netzwerke möglich werden,
die uns einen detailliertes Bild der Welt während der byzantinischen Zeit verschaffen können6.
Die byzantinischen Kleinfunde bestehen aus unterschiedlichen Materialien wie Edelmetallen
(Gold und Silber, z. B. für Luxusobjekte und Schmuck - oftmals in Kombination mit wertvollen
Edelsteinen), Buntmetallen (verschiedene Kupferlegierungen: etwa für Gewandschmuck; Blei:
Bleiampullen), Eisen (z. B. für landwirtschaftliche Geräte), Elfenbein (vornehmlich für kostbare
Schnitzereien) und Knochen (z. B. für Haarnadeln oder Spielsteine), Holz (vielfach für Ikonen),
Textilien (z. B. für Kleidung) und Seide (etwa für kaiserliches oder kirchliches Ornat), Pergament
und Papyrus (z. B. für Codices oder Chroniken), Terrakotta (z. B. für Pilgerampullen) oder auch
Glas (z. B. für Schmuck oder Gefäße)7.
Luxusgüter, die z. T. aus wertvollen Materialien hergestellt wurden, sind einerseits profane
Gegenstände wie Schmuck, andererseits Objekte religiöser Natur, die entweder als Devotio-
nalien dem liturgischen Bereich angehörten (Prozessionskreuze, Räuchergefäße, Lichtkörper
und Reliquienbehältnisse) oder auch Ausdruck privater Frömmigkeit waren (Reliquien- oder

1 Zur Diskussion um die Begriffe Tracht und Kleidungszubehör oder Kleidungsbestandteile s. Eger 2012, 13-15;
von Rummel 2007, 1; Brather 2007.
2 Zu den verschiedenen Definitionen von materieller Kultur in byzantinischer Zeit s. Muthesius 2007 mit weiterfüh-
render Lit. Zur Wechselwirkung zwischen menschlichem Verhalten und materieller Kultur s. schon Hodder 1995,
13-15.
3 Zur Erinnerungskultur s. Assmann 1997. Objekte als Zeichen im Sinne der Semiotik: Eco 1994 und Eco 1977.
4 Schade 2003, 114; Ball 2005.
5 Die Kontrolle übte die kaiserliche Schatzmeistereri aus, das officium der comes sacrarum largitionum: Deppert-
Lippitz 1995a, 275. Allerdings gab es vennutlich auch unabhängige Handwerker, die von privaten Auftraggebern
lebten. Zu diesem Thema auch Brown 1982, 48-57 über eine westliche Werkstatt, die nicht an den Hof gebunden
war.
6 Böhlendorf-Arslan - Ricci 2012b, XVII.
7 Nicht alle hier aufgezählten Materialien sind in Ephesos vorhanden oder werden in der vorliegenden Studie behan-
delt.
 
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