Gesellschaft für Vor- und Frühgeschichte in Württemberg und Hohenzollern [Editor]; Württembergischer Altertumsverein [Editor]; Württembergischer Anthropologischer Verein [Editor]; Württembergischer Geschichts- und Altertumsverein [Editor]
Fundberichte aus Schwaben — 19.1911(1912)

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Stammheim OA. Calw,
Eine villa rustica1.
Von 0. Paret.
Mit i Tafel (X) und 2 Textabbildungen.
Von S t a m in liei m berichtet die Oberamtsbeschreibung von
1860: „Nahe am Ort, auf den sogen. Miihläckern, an welche sich die
Sage knüpft, daß hier eine Stadt gestanden sei, stieß man schon öfters
auf Grundmauern usw.; viele römische Ziegel, Reste von Estrichböden,
Fragmente römischer Gefäße, welche hier noch getroffen werden, be-
kunden hinlänglich eine hier abgegangene römische Niederlassung.“'
Und an anderer Stelle: „Auf den Miihläckern zunächst Stammheim
werden nicht selten Grundmauern mit dem Pflug erreicht, auch findet
man auf dieser Stelle römische Ziegel, Fragmente von Heizrohren, Ge-
fäßen, Estrichböden usw.“ Kurz nach diesem Bericht, im Jahre 1862..
wurde an eben dieser Stelle ein Dioskurenrelief gefunden und ins Lapi-
darium nach Stuttgart gebracht (Haug No. 110). Vor 30—35 Jahren
wurde daselbst eine kleine Nachgrabung veranstaltet und wurden ein
paar Mauern aufgedeckt. Auch eine Säule habe man damals ausgegraben,
aber nachher wieder zugedeckt. Das in Frage stehende Gelände, ein
stark gegen Süd geneigter Hang hoch über dem reichlich Wasser führenden
Schlittental, gehört der Kinderrettungsanstalt.
Schon äußerlich beobachtet ließ ein leichter Rücken des Terrains
darinsteckende Mauern vermuten. Den unmittelbaren Anlaß zur Grabung
gab ein großer gut behauener Steinblock, auf den der Pflug im Früh-
jahr 1911 stieß. Ende Oktober besichtigte der Landeskonservator
Prof. GoESSUER die Fundstelle; eine Menge von umherliegenden römischen
Dachziegeln erwies samt den Steinblöcken das Vorhandensein einer
römischen Anlage, und zwar vermutlich einer villa rustica. Und so be-
gannen Hausvater GuGEEER und Lehrer Reusch sofort am 24. Oktober
die Aufdeckung der Mauern. Die Ausgrabung nahm, wie vorauszusehen
war, einen größeren Umfang an. Weil sich aber bald eine überraschend
gute Erhaltung zeigte und mit Rücksicht auf die Dürftigkeit von be-
kannten römischen Spuren in der Gegend, so wurde die vollständige
Freilegung beschlossen und vom Landeskonservatorium unter örtlicher
Leitung des Berichterstatters und unter Mitwirkung von Forstmeister
Wurm und der genannten Herren durchgeführt. Dem Schwarzwaldverein
gebührt lebhafter Dank für die finanzielle Beihilfe zur Ausgrabung.
Was wir ausgegraben haben, ist ein römisches Bauern-
haus, eine sogen, villa rustica. Vielleicht — und einige Anzeichen
sprechen dafür —■ ist es gar ein Teil eines großen mauerumschlossenen
Gutshofes, wie ein solcher besonders im Hagelschieß unweit Pforzheim
und bei Hoheneck festgestellt ist, und zwar etwa das Wohnhaus, dem
sich dann in einiger Entfernung die der Landwirtschaft dienenden Bauten,
wie Viehställe, Gesindewohnungen, Bad und Scheunen zugesellen.
Das aufgedeckte Haus zeigt eine für die römischen Bauten unseres
Landes typische Grundrißgestaltung (s. Plan Taf. X). Wichtig sind
der die Mitte des Gebäudes einnehmende etwa quadratische Hof und die
beiden über die Hausflucht vorspringenden Ecken im Siidost und Süd-
1 Genauere Beschreibung in den Blättern des Schwarzwald Vereins
1912, 3. Heft. Für Unterstützung habe ich besonders Prof. Goessler
zu danken.
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