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EGEISIOHEI,

DIE KAIS, KONIGL, GEMÄLDE-GALERIE IN WIEN,
In Radirungen von Prof. William Ungar, mit erläuterndem Text von Pros. Dr. C. von Lützow. EI. O. Miethke. Wien.


Madonna nach Dürer.

Unter allen modernen Erscheinungen auf dem Gebiete der Kunstliteratur
behauptet das besprochene Werk durch die Eigenart seiner Anlage und die
glänzende Ausführung einen sehr hohen Rang und bekundet in erfreulichster
Weise den Ausschwung, welchen die reproducirenden Künste seit einem Jahr-
zehnt in Wien genommen haben. Gewissermassen muss man sogar in Unger's
Belvederewerk das am meisten charakteristische und gelungene Ergebniss
der modernen coloristischen Richtung erblicken, welche nun auch im Reiche
der graphischen Künste zur Oberherrschaft gelangt ist und der Radirung der-
zeit in fast allen Kreisen der Liebhaber eine bevorzugte Stellung verleiht.
Nur die klare Erkenntniss dieser Geschmacksrichtung konnte einen
Verleger zu dem Unternehmen ermuntern, hundert der erlesensten und bedeu-
tendsten Bilder einer grossen Galerie, in welcher die Bluthe der deutschen,
flandrischen, holländischen und venetianischen Kunst glänzend vertreten, aber
auch zahlreiche Hauptwerke von Meistern anderer Schulen vorhanden sind,
ausschliesslich in grossen radirten Blättern zu publiciren. Wir glauben aber
auch nicht, dass ein anderer der jetzt lebenden Aquafortisten als Unger das Wagestück unternommen haben
würde, eine so grosse Anzahl von Hauptbildern der Belvedere-Galerie ohne Rücksicht auf die Schule, der sie ent-
slammen, und ohne Unterschied des Sujets mit der Radirnadel wiederzugeben, und noch weniger sind wir der
Ansicht, dass ein derartiges Beginnen einem anderen Meister der Radirnadel in so hohem Masse gelingen würde.
Die uns vorliegenden sechs Hefte — das ganze Werk ist auf etwa 25 vierteljährige Lieferungen von je vier
Blättern berechnet — gestatten vermöge der Mannigfaltigkeit der reproducirten Bilder in Bezug auf Meister und
Sujet ein sicheres Urtheil über den Werth der ganzen Publication. Wer Unger's Art kennt, hat nie daran gezwei-
felt, dass die Coloristen, namentlich die niederländischen, durch ihn eine tresfliche Interpretation zu gewärtigen
haben; aber auch die Bedenken, welche man gegen die Wiedergabe solcher Bilder, die man als Domäne des
Grabstichels zu betrachten gewohnt war, gehegt haben mochte, sind von Ungcr durch die That widerlegt worden.
An den publicirten zwei Fraucnbilclnisfen des jüngeren Holbein finden wir die Art dieses Meisters nicht bloss in
der Farbe und im Gesammtton, sondern auch in der Zeichnung und Modellirung sorgsültig gewahrt; man mag ein-
wenden, dass der Stich diesen Sujets grundsätzlich mehr entspreche, aber dass Unger's Radirung den Hauptzweck
jeder Reproduktion in Weiss und Schwarz: die charakteristische Wiedergabe des Originals erreicht habe, wird
man nicht leugnen können. Nicht minder glücklich war Ungcr in der Nachbildung italienischer Meister. Tizian's
„Ecce homo" und sein Porträt des Giacomo Strada bestechen durch die warme leuchtende Wirkung, letzteres
überdies durch die grosse Energie des Vortrages. Auch Giorgione's räthselhafte Composition, welche man „Die
Mathematiker" nennt, ist vollkommen adäquat wiedergegeben und an der „Venetianerin" des älteren Palma haben
wir die meisterhafte Nachbildung der Carnation und Modellirung zu bewundern. Ein wahres Virtuosenstück in
Bezug auf den Gesammteffect ist die Rcproduction des schwellenden, mit allen Reizen des Helldunkels zauberhast
geschmückten Körpers der „Jo" von Correggio. Mit grosser Zartheit und tiefer Nachempfindung hat Unger die
Marinen von Vlieger und van de Capelle wiedergegeben; die grosse Waldlandschast von Jacob Ruysdael und vor
Allem die gewaltige Landschaft mit Philemon und Baucis von Rubens zeigen uns die Kunst des Aquafortisten
auch auf diesem Gebiete im besten Lichte.
 
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