Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 15.1892

Page: 29
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Louis-Auguste Lepere.


Wer die Entwicklung der vervielfältigenden
Künste in Frankreich überschaut, dem drängt
sich wohl die Beobachtung auf, dass die grossen
Wandlungen in diesem vielgestaltigen Kunst-
bereiche nicht den Specialisten, sondern vor-
nehmlich solchen Künstlern zu danken
sind, die sich verschiedenartiger Kunst-
mittel zum Ausdrucke selbstständiger
Empfindung bedient haben. Damit
hängt zusammen, wenn wir auch auf
dem Gebiete vervielfältigender Kunst
den originalen Werken selbsterfindender
Meister den Vorzug geben vor den
kunstreichen Nachlchöpfungen nach
Anderer Werken. Maler der französi-
schen Romantik sind es gewesen, welche
die lithographische Kunst mit unver-
gänglichem Glänze ausgestattet haben,
sie waren es auch, die die Radirung
wieder zur Blüthe brachten und ihr
neue Wege wiesen. Gaillard endlich, der auch als Maler
Bemerkenswerthes leistete, hat mit leinen wunderbaren
Bildnissstichen etwas geschaffen, das an die herrlichste
Zeit der Kupferstechkunst erinnert. Und wieder ist es ein
Maler gewesen — der Aquarellist und Radirer Louis-
Auguste Lepere —, dem es gegeben war, die moderne Wieder-
erweckung der Holzschneidekunst in Frankreich zu einem gewissen
künstlerilchen Abschluss zu bringen.
Wenn ich auch keineswegs leugnen will, dass uns die
Kenntniss der Lebensumständc und der inneren Entwicklung
einer Künstlerpersönlichkeit mannigfaltige Hilfsmittel an die Hand gibt, das Talent eines Künftlers
zu erkennen, sein Werden deutlich zu verfolgen, seine Bildung zu erfasfen und klar die Ziele seines
Strebens zu begreifen, so scheint es mir doch diesmal nicht nöthig, auf die Biographie des Meisters,
dem diese Zeilen gelten, näher einzugehen. Denn schwerlich kann man sich einen einfacheren

Am Boulevara Bonne-Nouveüe in Paris.
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