Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 15.1892

Page: 65
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/gk1892/0083
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
65


S LIEGT IM WESEN jeder einzelnen Kunstentwicklung, die eine Neubildung der
herrschenden Ideale anstrebt, begründet, dass sie im Beginn ihrer Bahn isolirt, in
Bezug auf tiefer dringendes Verständnis und Mitempfindung des Volkes auf einen
engen Kreis beschränkt bleibt. Aus dem natürlichen Grunde, weil der geistige
Fortsehritt innerhalb der Durchschnittspersönlichkeit des Laien ein ziemlich
geringer in Raum und Zeit bleibt und die allgemeinen Werthe nur von Generation zu Generation
eine wirklieh merkliche Stufe des Verständnisses und der Aufnahmefähigkeit nach oben und nach
unten entwickeln. Erst wenn dieVoraussetzungen einer neuen Kunstweise dem typischenVorstellungs-
kreis einer Zeit angenähert lind, — hier, beim Publicum, durch Erziehung zu den neuen Ideen,
dort, beim schaffenden Künstler, durch schliessliches Erreichen des knappsten und damit idealsten
Ausdrucks — erst dann tritt eine Berührung zwischen Kunst und Publicum ein, und die betresfende
Kunstweise wird populär.
Auf dieses Entwicklungsgesetz ist die Thatsache zurückzuführen, die lieh in manchen Federn
mit einem Vorwurf deckt, dass unsere moderne Kunft der weiten Popularität ermangele. Wenn diese
moderne Kunst in einer ihrer beiden Strömungen: in Uhdes und Liebermanns rcalistisch-mystischcr
Darstellungsweise den Brennpunkt der socialen Frage, das Dasein der Armen und Enterbten, in
loading ...