Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — 15.1892

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Die heilige Justina von Alessandro Moretto,
IN KUPFER GESTOCHEN VON VICTOR JASPER.

ER grosse Kupferstich, den die Gesellschaft für vervielfältigende Kunst den Abnehmern der
Graphischen Künste als besondere Prämie für das Jahr 1892 darbietet, gibt ein Hauptwerk
des Alessandro Bonvicino aus Brescia, genannt Moretto, wieder, ein Gemälde, das zu den
Hauptzierden der Wiener kaiserlichen Galerie gehört. In jedem Betracht ist dieses Bild ein vorzüg-
liches Werk. Auffassung, Composition und coloristische Behandlung verrathen einen Künstler von
vornehmer Gesinnung, von feinem Formen- und Farbengefühl. Die schöne jugendliche Heilige ist mit
prächtigen Gewändern angethan, ihr Kleid ist ein warmer Rosa-Seidenstoff, eine hellblaue Schärpe
hält es unter der Brust zusammen, so dass es in langen Falten niederrinnt bis zu den Füssen;
darüber ist ein grossgemusterter Brokatstoff mit kühnem Wurfe geschlagen. Die hoheitsvolle Gestalt
neigt ihr schönes Antlitz einem Manne zu, der ihr zur Seiten auf die Kniee gesunken ist und mit
gefaltenen Händen zu der Reinen emporfleht. In dem Ausdruck der Heiligen paart lieh Anmuth
mit i'chwermüthiger Milde, beseligende Ruhe blickt aus ihrem Auge, das sie mit holdem Ernste ihrem
Verehrer zuwendet. Zu ihren Füssen ist das Einhorn, das Symbol der Keuschheit, gelagert, und in
der Rechten hält sie einen Palmenzweig. Die ganze Gruppe sleht in einer herrlichen Landschaft; wir
erblicken in einem weiten Thale eine Stadt, hinter der Berge schroff ansteigen, während im Hinter-
grunde ein Bergzug die Landschaft abschliesst. Darüber liegt ein heiterer blauer Himmel, den
ruhige Wolkenzüge in Streifen überziehen. Wohl abgewogen wie die Composition dieses Bildes
ist sein coloristilcher Wohllaut, in dem ein feiner Silberton den Gegensätzen der Farben alles Harte
und Schwere nimmt. Morettos heilige Justina ist eine Altartafel, die der Meilter in den Jahren 1530
bis 1540 gemalt hat, denn sie stimmt in ihrer ganzen malerischen Haltung überein mit anderen
Werken Morettos in Brescianer Kirchen, die nachweislich jenem Zeitraum angehören. Erst Rumohr
hat in dem Wiener Bilde die Hand Bonvicinos wiedererkannt, früher galt es bald als ein Werk des
Tizian, bald führte es den Namen des Giovan Antonio da Pordenone.
Das Bild ist oftmals reproducirt worden, in jüngster Zeit in einer Radirung von William Unger
für sein Belvedere-Werk, dann in einem lehr bemerkenswerthen Farbenholzschnitt von Hermann
Paar, endlich in dem sorgfältigen grossen Stiche Viftor Jaspers, desfen Ausgabe als Prämienblatt
der Gesellschaft für vervielfältigende Kunst uns zu dielen Zeilen veranlasst hat. Jaspers Stich ist
51 72 Centimeter hoch und 36'/2 Centimeter breit, er eignet Pich gut als vornehme Wandzierde und
sei als solche unseren Mitgliedern empfohlen.
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