Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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P. WESCHER / ÜBER EIN BILDNIS KAISER SIGISMUNDS

Seitdem Wilde in seinem Aufsatz im Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlungen in Wien
1930 und 0. Fischer im Jahrbuch der Preußischen Kunstsammlungen 1933 die Aufmerksamkeit
auf die zeitgenössischen Bildnisse des Kaisers Sigismund gelenkt, sind wir einem wichtigen
Komplex der frühesten individuellen Bildnisdarstellung nahegekommen. Wilde veröffentlichte
neben dem inzwischen schon durch mehrere Ausstellungen weithin bekannt gewordenen Bild
der Wiener Galerie die Kopie eines zweiten verschollenen Originals aus der Zeit des Kaisers
Sigismund, die in dem Bestand der Ambraser Sammlung bewahrt wird und aus der zweiten
Hälfte des XVI. Jahrhunderts stammt.1 Von diesem zweiten Originalbildnis des Kaisers
Sigismund existiert aber auch noch eine um ein Menschenalter frühere Nachzeichnung im
Cabinet des Estampes in Paris, deren künstlerische Qualität der gemalten Kopie erheblich
überlegen ist (Abb.l). Die beiden Klebebände mit französischen Porträten aus der Zeit Franz' I.,
die von Bouchot veröffentlicht wurden, werden in ihrem heutigen Zustand durch zwei nicht
französische Zeichnungen eingeleitet, die Bildnisse zweier deutscher Kaiser, Sigismunds I.
und Maximilians I. Bouchot hatte diese Porträte katalogisiert, ohne auf ihre Besonderheiten
einzugehen. Aber inzwischen wurde die Zeichnung mit dem Profilbild des Kaisers Maximilian
schon als eine Kopie nach dem bekannten Gemälde des Bernhard Strigel erkannt und als
solche auch von Parker in seinem Aufsatz über die Zeichnungen dieses Meisters im Belvedere
1926 veröffentlicht. Die erstgenannte Zeichnung, die nach einer gleichzeitigen, später ergänzten
Unterschrift den Kaiser Sigismund darstellt, hat mit ihr nichts weiter zu tun, sie ist nur zu-
fällig in denselben Klebeband gekommen und rührt von einer anderen Hand her.2 Mit der in
der Renaissance für Bildnisse bevorzugten
Kohle gezeichnet, gibt sie in allen Einzelheiten
genau dasselbe Bildnis des Kaisers wieder, wie
die Kopie der Ambraser Sammlung, und zwar
so, daß wir uns jetzt unter Zuhilfenahme des
authentischen Bildes der Wiener Galerie dieses
verlorene Original recht gut vorstellen können.
Dieses zweite Bildnis war zwar etwas jünger
als dasjenige in Wien; der Kaiser, der statt des
Hutes nur eine leichte Mütze und einen breiten
Schulterpelz trägt, erscheint gealtert, und, mehr
ins Dreiviertelprofil gewendet, mit schärferen,
knochigeren Zügen. Aber die gotisch steil abfal-
lenden Schultern mit dem beinahe schmächtigen
Rumpf und die ganze Art der Stilisierung zeu-
gen durch die Kopien hindurch für die gleiche
Stilstufe. Die Bemühung des Zeichners, den ma-
lerischen Charakter der Vorlage wiederzugeben,

1 Abb. a. a. O. S. 217.

2 F. Lugt hat in seinem soeben erschienenen Katalog
der nordischen Zeichnungen des Cabinet des Estampes
diesen Sachverhalt nicht hervorgehoben, auch den Zu-
sammenhang mit dem Wiener Bild nicht erwähnt.

1. Deutscher Meister der 1. Hälfte des 16. Jhdts.,
Kaiser Sigismund. Kohle. Paris, Cabinet
des Estampes

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