Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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TH. MUSPER / DAS ORIGINAL DES GOTISCHEN FIGUREN-
ALPHABETS VON 1464

Ähnlich wie den Blockbüchern hat die neuere Wissenschaft auch dem einzigen originären
holzgeschnittenen und nach meiner Meinung als Unikum in Basel im Original erhaltenen
gotischen Figurenalphabet große Aufmerksamkeit gewidmet. Ihren Bemühungen gelang es
aber nicht, die Wahrheit zutage zu fördern, obwohl sich ein so ausgezeichneter Forscher wie
Campbell Dodgson1 mehrfach und auf das eingehendste mit der Frage auseinandergesetzt hat.
Sich Schreiber2 anschließend, glaubte er, die Überlegenheit des Londoner Exemplars beweisen
zu können. Jaro Springer3 unterscheidet zwar nicht zwischen Kopie und Original, spricht
vielmehr von einem Basler und einem Londoner Abdruck, als handle es sich trotz gewisser
Unterschiede um gleichartige und gleichwertige Objekte, bildet aber instinktsicher in seiner
Abhandlung über die gotischen Alphabete das Basler Alphabet, also das Original, und zwar
in sehr guten Lichtdrucken ab.

Das Basler Exemplar, das 1848 von dem Ulmer Professor Hassler in Basel unter italienischen
Drucken entdeckt wurde, ist komplett und tadellos erhalten. Es besteht aus 23 Buchstaben
und einem Ornament. Das Londoner, das in einem zweiten vollständigen Druck bei Mr. Perrins
in Davenham existiert, ist defekt. Die Buchstaben A, T und V sind nur fragmentarisch erhalten,
das S fehlt ganz. Dodgson, bewundernswert im Feststellen der tatsächlichen Unterschiede,
gründet sein Urteil in der Hauptsache auf die größere Bichtigkeit im naturalistischen Sinn.
Aber er übersieht, daß die Absichten der Kunst damals ja ganz andere waren. An Stelle lang-
atmiger Auseinandersetzungen mag hier der Vergleich von einigen Buchstaben stehen, der
aufzeigen wird, daß ähnlich wie bei der Biblia pauperum und der Apokalypse auch in diesem
Fall das Vorurteil einer naturalistischen Kunstperiode den Forscher in die Irre führen mußte.

Dodgson weist beim Buchstaben k (Abb. 1 und 5) daraufhin, daß auf dem Londoner Exem-
plar der Jüngling dem Blick der Frau begegne, im Basler aber nicht. Allein abgesehen davon,
daß der Zeitstil keineswegs zu einer rationalen Beziehung im Raum in solchen Fällen verpflich-
tet, entspricht der Blick ins Vage besser der Stimmung des Minnedienstes, der doch hier ge-
meint ist. Um wieviel richtiger ist es, daß die Frau den Blütenkranz auf dem Original wirklich
an das Herz hält. Der Kopist ist viel zu weit herunter geraten. Die Zartheit des psychischen
Verhältnisses findet ihr Korrelat in einer ganz allgemein zart und fein empfundenen Zeichnung,
den feinsten Nuancen im Gestus, der Haltung, in den Gewandfalten und in der Art, wie sie
sich etwa auf dem Körper verschieben. Am deutlichsten zeigt sich das in der Schraffur, die auf
der Kopie starr und gleichförmig eben nichts als Schraffur bleibt. Die Streifen auf der Haube
oder am Halsausschnitt sind im Original nicht einfach parallel geführt, sondern ihrer Lage auf
dem Substrat entsprechend differenziert. — Es ist ein Fehler, daß die beiden „Abgeblitzten"
auf der Kopie, obwohl ihre Beine sich hinter der Figurengruppe befinden, doch den Rahmen
überschneiden. Sinngemäß ist es, wenn sie auf dem Original den Rahmen nicht erreichen. Um
wieviel edler ist aber hier das Antlitz des jugendlichen Verliebten, dessen Stock übrigens auf
der Kopie keine Fortsetzung nach links findet.

Der Sieger mit seinem Schwert des Buchstaben 1 (Abb. 2 und 6) zeigt in der Kopie eine

1 Grotcsquc Alphabet of 1464. With an introduction by Campbell Dodgson, London 1899, und Catalogue
of early German and Flemisch Woodcuts 1903, Bd. I, S. 124 f.

W. L. Schreiber, Manuel de l'amateui de la gravure sur bois . . ., 1892, und Handbuch der Holz- und
Metallschnitte, 1927, Nr. 1998 und 1999.

:' International Chalcographical Society 1897, Gothic Alphabets. The Text by Jaro Springer, London.

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