Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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aber wäre wenig ohne die souveräne Sicherheit des Vortrages, die packende Dynamik der
Stiftführung, den belebenden Hauch des Genies.

Darf damit die Eigenhändigkeit Tizians schon stilkritisch begründet sein, so wird der Be-
obachtung einer äußeren Erscheinung noch ein relativer stützender Wert zukommen. Bei bei-
den Blättern kann gewiß der gleiche blaugrüne1 Farbton des Papiers angenommen werden
(unter Berücksichtigung des Beproduktionsverfahrens bei dem Haarlemer Blatt und einer ge-
wissen Entfärbung bei dem Kasseler Blatt). Dieser kaum bemerkenswerte Umstand gewinnt
aber an Bedeutung dadurch, daß ihnen eigentümliche Druckstellen gemeinsam sind (vgl. die
Abb. an der rechten Seite und bei dem Haarlemer Blatt am untern Band). Sollten die Blätter
nicht demselben ramponierten Papierstoß entnommen sein? Denn nach allem, was hier gesagt
wurde, scheint der Schluß berechtigt, daß sie auch zeitlich in nächste Nähe zueinander gehören.

OTTO BENESCH / ZUR FRAGE DER FRÜHEN ZEICHNUNGEN

VAN DYCKS

Zu den Neuerwerbungen der Albertina, die vor mehreren Jahren getätigt wurden, gehört
eine fesselnde Bisterfederzeichnung, die mir durch ihre besondere Nähe zu Bubens in mehr-
facher Hinsicht wichtig zu sein schien. Das annähernd quadratische Blatt (190 Xl83 mm,
Abb. 1) stellt eine Gruppe nackter, mit flatternden Mänteln gegürteter Männer in lebhafter
Bewegung dar. Sie schwingen Äxte, mit denen sie in fieberhafter Eile den Abbruch einer
flach geschwungenen, die Bildbasis bildenden Brücke durchführen. Man könnte sich so eine
Kriegergruppe denken, die hinter Horatius Codes die Brücke zerstört. Das Blatt ist durch
flüchtige Kreidezüge vorskizziert. Die nächste Etappe bezeichnet die Arbeit der scharf ge-
spitzten Kielfeder, die mit unruhig tastenden und schwingenden Linien die Umrisse der Hünen-
gestalten einzufangen sucht. Abschließend wird die Licht-Schattengliederung durch Pinsel,
stellenweise vielleicht ganz dicke, weiche Bohrfeder besorgt. Sie verstärkt die Konturen,
wirft stechende Schlagschatten auf den hellen Grund, gießt Flächen tief schwarzbraunen
Dunkels aus. Das Ergebnis dieser Pinselarbeit ist ausgesprochen „effektvoll". Die Gestalten
werden, jäh und plötzlich wie ihre Aktion, aus dem Vacuum der Papierfläche herausgerissen.
Das Übersteigern der Suggestion plastischer Wucht und Körperlichkeit schlägt ins Gegenteil
um, führt wieder zu ihrer Zerreißung. Eine flackernde Unruhe durchwogt das Blatt, beherrscht
sein Linienspiel ebenso wie seine farbige Gewichtsverteilung. Der Stil der Zeichnung kommt
deutlich von Bubens; ohne den Eindruck der bald kraftvoll kantigen, bald elastisch schwin-
genden Federlinien von des Meisters Kompositionsskizzen ist sie nicht denkbar. Sie zerreißt
aber die klassische Geschlossenheit, die bei aller Bewegtheit in sich ruhende Körperlichkeit
der Rubensschen Gestalten durch dramatische Akzente, durch Momente des Ausdrucks, der
inneren Erregung, des flammenden Pathos. Es sind dies Momente, wie sie für Van Dycks
Kunst symptomatisch sind, wie wir sie durch alle seine zeichnerischen Schöpfungen verfolgen
können. Gustav Glück hat in seinem grundlegenden Aufsatz2 Licht in die Frage von Van
Dycks malerischen Anfängen gebracht. Wir entbehren einer solchen Klärung für das Bild des
Zeichners Van Dyck noch. Was wir an Blättern aus seiner voritalienischen Zeit kennen,
zeigt den jungen Künstler bereits zur vollen Entwicklung seines hageren, ekstatisch flammenden

1 In der Aufnahme wirkt die Farbe vorteilhaft und hebt die Zeichnung lauter vom Grund als im Original.

2 Van Dycks Anfänge. Zeitschr. f. b. K. 59 (1925/26), S. 257.

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