Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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HANS TIETZE UND E. TIETZE-CONRAT / TIZIAN-GRAPHIK

EIN BEITRAG ZUR GE SCHICHTE VON TIZIANS ERFINDUNGEN

An zwei Stellen seiner Biographie hat sich Vasari über Tizians Tätigkeit für den Holzschnitt
ausgesprochen: ,,1508" — was die neuere Forschung zumeist in 1511 zu verbessern geneigt
ist — „brachte Tizian den Triumph des Glaubens im Holzschnitt heraus, ... in welchem Werk
er Kühnheit, schönen Stil und Kenntnis der technischen Notwendigkeiten zeigte."1 Nach dem
Zusammenhang, in dem sie steht, geht die Stelle offenbar auf eine Mitteilung des Jugend-
genossen Tizians Sebastiano del Piombo zurück, wodurch sie aufs allerbeste beglaubigt ist.
Das zweitemal sagt Vasari nach Beschreibung des für San Niccolö de Frari in Venedig gemalten,
jetzt in der Vatikanischen Pinakothek befindlichen Altarwerks, daß Tizian diese Tafel selbst
auf Holz gezeichnet habe, die dann von anderen geschnitten und gedruckt wurde.2

Von Stichen erwähnt Vasari in Tizians Vita nur den nach der Gloria, dessen baldiges Er-
scheinen er in der zweiten Ausgabe ankündigt.3 Als sein Text herauskam, lag Corts Stich
bereits seit 1566 vor. Einen weiteren Reproduktionsstich nennt Vasari noch im Leben des
Enea Vico, dessen Verkündigung auf Tizian zurückgehe .4 Endlich findet sich noch eine etwas
allgemeine Aufzählung von Stichen und Holzschnitten nach Tizian in dem der Graphik ge-
widmeten Exkurs V, 433: Es habe nach Tizian in Holz viele Landschaften, eine Geburt Christi,
einen hl. Hieronymus5 und einen hl. Franziskus gegeben und in Kupfer gestochen den Tantalus,
den Adonis und viele andere Blätter, die der Bologneser Bonasone ausgeführt habe.

Aus der knappen Kennzeichnung in der Vita des Tizian ergibt sich, daß schon Vasari zwei
Arten Tizianischer Graphik unterschied, einerseits Originalgraphik, bei der er Tizian die Er-
findung und die Ausführung zuschrieb, und anderseits Reproduktionsgraphik, bei der sich
der Anteil Tizians im Fall des Vatikanischen Bildes auf die Vorzeichnung, im Fall der Gloria
auf die Beistellung der Bildvorlage beschränkte. Diese Zweiteilung in Erfindungen für die
Graphik und Graphik nach gemalten Erfindungen ist in der Natur der Sache begründet und
daher für alle folgenden Beurteiler bestimmend geblieben. Nur muß gleich hinzugefügt werden,
daß die Grenze zwischen den beiden Gattungen eine schwimmende ist. Von jenem Triumph

1 „Mandö fuori Tiziano in istampa di legno il Trionfo della Fede nella quäle opera moströ fierezza, bella maniera
e sapere via di pratica." Vasari-Milanesi VII, 431.

2 „. . . l'opera della quäle tavola fu dallo stesso Tiziano disegnata in legno e poi da altri intagliata e stampata."
Vasari-Milanesi VII, 437.

3 ,,. . . e perche e cosa rarissima — das Bild nämlich — si aspetta che tosto uscirä fuori stampata." Vasari-
Milanesi VII, 451.

4 Vasari-Milanesi V, 427. — Von E. Vico gibt es zwei Verkündigungen, von denen die eine (B. XV, p. 282,
Nr. 3), von 1548 datiert, auf Grund eben dieser Vasaristelle seit Mariette auf Tizian zurückgeführt wird. Es ist
ein unvollendetes Blatt, dessen nüchterne Behandlung die ursprüngliche Wirkung vergewaltigt haben mag. In
den Typen ist es, vor allem wenn man es mit der andern Verkündung — nach Raffael — vergleicht, durchaus
venezianisch, doch ist das Medium, durch das die Erfindung gegangen ist, zu dicht, als daß man diese mit gutem
Gewissen für Tizian in Anspruch nehmen könnte.

5 Aus der Zusammenstellung mit dem hl. Franziskus ergibt sich, daß Vasari hier das Breitblatt meint, das
im Jahrb. d. kunsthist. Sign, in Wien, N. F. X, S. 77, abgebildet ist. Mariette (Abecedario p. 313) hat Tizian noch
einen Holzschnitt dieses Heiligen zugewiesen, der außer der Jahreszahl 1515 keine Beschriftung tragt. Das lediglich
aus Qualitätsgründen herangezogene, in der Tat außerordentliche Blatt, das uns nur in dem von Mariette gesehenen
Exemplar der Nationalbibliothek in Paris bekannt ist, weicht jedoch durch sein Interesse für Kontrapost und
Bewegung so beträchtlich von Tizians Bestrebungen in dieser Zeit ab, daß wir Mariette nicht zu folgen vermögen.
Die für das Datum erstaunliche Vorgeschrittenheit läßt viel eher an einen jugendlichen Versuch Correggios denken
(s. Abb. 1).

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