Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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meist geschnittenem Text, nach Erfindung der Typographie auch noch hergestellt — so wird
das weitaus wichtigste Erzeugnis der Art, die Heidelberger Biblia pauperum (Graph. Ges. II)
bisher zwar 1440—50 datiert, allein es könnte auch schon etwa gleichzeitig mit dem frü-
hesten niederländischen Blockbuch, der Apokalypse, entstanden sein. Auch hat es stilistische
Parallelen in kleineren Blockbüchern mit geschnittenem Text, mit denen es im Heidelberger
Codex Palat. germ. 438 zusammengebunden ist, dem Symbolum apostolicum, dessen wahr-
scheinlich älteste Ausgabe in Wien1 noch handschriftlichen Text zeigt, dem Decalogus und
der Septimania poenalis (sämtl. Graph. Ges. IV). Sehr verwandt sind die Holzschnitte
des chiroxylographischen ,,Antichrist" (Sehr. Bd. IV, S. 217) und des „Totentanzes" (Sehr.
Bd. IV, S. 432), des nach Basel lokalisierbaren „Planetenbuchs" (Sehr. Bd. IV, S. 417), der
„Meinradslegende" (Sehr. Bd. IV, S. 385) und der „Fabel vom kranken Löwen" (Sehr.
Bd. IV, S.442). Das alles deutet auf eine lebhafte Tätigkeit in Oberdeutschland, wenn auch die
Erzeugnisse nicht auf der allerdings ungewöhnlichen Höhe der holländischen stehen.

Die Frage, wem der Ruhm der Erfindung des Blockbuchs gebührt, ist daher mit den bisher
zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zu lösen. Wichtiger ist die Frage, welchen Rang die
Kunstwerke einnehmen, die in dieser Technik entstanden. Setzen wir den Fall, Coster habe
auch typographisch gedruckt — welche Rolle ihm bei der Erfindung der Typographie
zukommt, ist eine Angelegenheit der typographischen Forschung und gehört nicht hier-
her —, so wäre seine Tätigkeit als Typograph unwesentlich gegenüber seiner bzw. seiner
Mitarbeiter Bedeutung als Künstler, Holzschneider und Drucker der Blockbücher, ganz gleich,
ob gewisse technische Voraussetzungen anderen zu verdanken waren. An die künstlerische
Bedeutung seiner Werke werden wir in erster Linie denken, wenn wir uns an den Spruch des
Scriverius (übersetzt von S. Ampzing) erinnern:

„versaekt gy desen man? dat is selfs God veracht."

HANS HETZE UND E. TIETZE-CONRAT / TIZIAN-GRAPHIK
EIN BEITRAG ZUR GESCHICHTE VON TIZIANS ERFINDUNGEN2

Weiterhin folgen die Werke, die ausschließlich durch Aufschriften verschiedener Art, die
aus Tizians Lebenszeit stammen, gesichert sind. Jene graphischen Blätter, die noch bestehende
Gemälde reproduzieren, bleiben dabei weg; nur in die Liste, die den Anhang dieses Aufsatzes
bildet, haben wir auch sie aufgenommen. Hier sprechen wir nur von den in Graphiken allein
überlieferten Kompositionen, zu denen die berühmten Holzschnitte von Abrahams Opfer und
Pharaos Untergang1' und die gleichfalls wohlbekannte Venus mit dem Amor (Suida, Taf.
CCXXXb) gehören, die Tizian und Boldrinis Signatur trägt. Gleichfalls mit dem Warnen
Tizians als Erfinders und Ugo da Carpis als des ausführenden Holzschneiders bezeichnet
ist der bekannte Clairobscurschnitt des hl. Hieronymus (Abb. 1), den Suida veröffentlichte.4
Er hat mit Recht die hohe Qualität des Holzschnitts hervorgehoben, der wegen der Beteiligung
des Xylographen in die Frühzeit Tizians gesetzt werden kann. Ugo da Carpi, über den Luigi
Servolini in der Rivista d'Arte 1929, p. 173 ff., zuletzt ausführlich gehandelt hat, bewarb

1 Hofbibliothek, in Fascimile publiziert von Pegasus-Presse, Paris 1927, wo irrigerweise von einem „frühesten
in Farben gedruckten Blockbuch" die Rede ist. Die 2. Ausgabe Graph. Ges. IV, 1907; die dritte XXIII, 1917;
beidemal mit Text von Kristeller, der die dritte Ausgabe um 1440 datiert und auf Grund des Dialekts nach Süd-
ostbayem oder Tirol lokalisiert (Schreiber, Bd. IV, S. 237 f.).

- Schluß des Artikels auf S. 8. — :l S. unseren Aufsatz, Jb. d. kh. Sign., Wien 1936. — 4 Critica d'Arte 1936, 285.

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