Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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BRUNO THOMAS / EINE DEUTSCHE RADSCHLOSSBÜCHSE VON 1593
MIT BEIN EINLAGEN NACH ADRIAN COLLAERT

So weit geschichtliche Erkenntnis zurückblickt, findet sie in der Waffe des Menschen nicht
allein das rohe Werkzeug blinder Zerstörung verkörpert. Die Waffe ist durch alle Zeiten
immer auch Symbol männlichen Wertes, Zeichen innerer Würde und Adels, Ausdruck von
Herrschaft und Macht, Rang und Verpflichtung, zumindest aber die äußere Kennzeichnung
einer gehobenen Stellung. Als solche bietet sie ihre dreidimensionale Körperlichkeit und alle
ihre Flächen der Durchbildung und Ausgestaltung durch den bildenden Künstler dar. Es ist
lange nicht genug gewürdigt, daß die schöne Waffe in all ihren Gattungen und zu allen Zeiten
ihrer Entwicklung Hauptwerke des Kunstgewerbes geliefert hat. Insbesondere als Trägerin
graphischer Auszierung birgt Wehr und Waffe alter Zeit ungeahnte Werte künstlerischer
Gestaltungskraft. Ätzung, Gravierung und Einlagen aller Art haben auf der Oberfläche einer
kaum übersehbaren Menge erhaltener Waffenstücke graphische Meisterleistungen hervor-
gebracht, die oft genug den Vergleich mit geschätzten Radierungen, Stichen oder Zeichnungs-
blättern nicht zu scheuen brauchen.1

Sonderbarerweise ist die Verbindung von den bekannten Meistern der Graphik zu den
meist unbekannten „Ätzmalern" der Waffenschmiedekunst von der Forschung nur in den
wenigsten Fällen hergestellt worden. Man ist bei der Feststellung stehen geblieben, daß nach
urkundlichem Zeugnis größte Meister der Graphik für Waffenschmiede geschaffen haben —
aufgesucht wurde ihr Werk an erhaltenen Waffen nur in seltenen Arbeiten, von denen zwei
aus den letzten Jahren genannt werden sollen. Grosz hat die graphischen Vorlagen einer be-
stimmten Plattnerwerkstatt aufgespürt und dadurch in deren Betrieb und Arbeitsweise
hineingeleuchtet, Post hat einen deutschen Meister in seinem frühsten Werk an einer Harnisch-
ätzung nachgewiesen.2

Noch aber harrt der ungeahnt reiche Bestand an graphisch verzierten Harnischen und
Schilden, Stangenwaffen und Schwertern, Armbrüsten und besonders Feuerwaffen jeder
näheren Untersuchung. Aus mehreren Gründen nimmt dabei die letzte Gattung eine Sonder-
stellung ein. Sie ist die am weitesten mechanisierte aller Waffen, zu einem großen Teile Gegen-
stand der Technik und chemisch-physikalischer Gesetze. (Dies allein bereits schreckt den
Kunstforscher meist vor ihr ab.) Sie ist nicht nur Ergebnis aus zwei völlig verschiedenen
Werkstoffen — Eisen und Holz —, sondern als Gesamterscheinung das Werk von zumindest
drei, manchmal auch vier oder mehr Handwerksmeistern. Da ist der Laufschmied, der Schloß-
schmied (der eigentliche Mechaniker und oft technische Erfinder), zuletzt der Schäfter (zunft-
mäßig stellenweise mit dem Tischler eins). Waren die beiden ersten mehrfach wohl selbst
ihre eigenen Tausiatoren, Graveure und Eisenschneider, so konnte der Schäfter einen Holz-
schnitzer, Silber- oder Beineinleger selbst abgeben oder getrennt einen Meister3 damit be-

1 A. Weixlgärtner hat in seinem maßgebenden Aufsatz : Ungedruckte Stiche, Materialien und Anregungen
aus Grenzgebieten der Kupferstichkunde, Jahrb. d. kh. SIg. d. Ah. Kaiserhauses 29, 1910/11, 258—385, die
wissenschaftliche Methode gewiesen und die gravierten Bestände der Sammlungen für Plastik und Kunstgewerbe
des Wiener Kunsthistorischen Museums zusammenfassend behandelt.

2 A. Grosz, Vorlagen der Werkstätte des Lucio Piecinino, Jahrb. d. kh. Sign, in Wien, 36, 1925, 123—
155. — P. Post, Ein Frührenaissancsharnisch von Konrad Seusenhofer mit Ätzungen von Daniel Hopfer im
Berliner Zeughaus, Jahrb. d. preuß. Kstslg. 49, 1928, 107—186.

3 Zu den Zunftverhältnissen vgl. A. Meyerson's (nach des verstorbenen G. Malmborg Materialien) Stock-
holms bössmakare, Stockholm 1936, und desselben „Einige Meisterstückzeichnungen der Danziger Büchsen-
schäfter", Zeitschrift für historische Waffen- und Kostümkunde, N. F. 6, 1938, 101 f.

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