Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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Äußerst selten hat Van Dyck Kreide zur Fixierung ganzer Kompositionsideen verwendet.
Eines dieser seltenen Beispiele besitzt das Museum Plantin-Moretus, eine Anbetung der Hirten
(239x173 mm, Abb. 13). Van Dyck hat das Thema später mehrmals behandelt (Notre-Dame
zu Dendermonde, Galerie Haberstock, Berlin, Klass.d. K., 255—257), ohne daß die Antwerpener
Zeichnung mit einer der beiden Fassungen in Beziehung gebracht werden kann. Der ganze
Charakter der Zeichnung deutet vielmehr darauf hin, daß auch sie ein Blatt der frühen, vor-
italienischen Zeit ist, ähnlich wie die viel verwandtere Federzeichnung des gleichen Themas
in der Albertina (Schönbrunner-Meder, Taf. 907). Die Figuren haben den hageren, langge-
streckten, geflammten Charakter der frühen Federzeichnungen. Ihre Schwünge werden zu
Ecken und Kanten abgeknickt, wodurch ein eigenartiges kapriziöses Linienspiel entsteht,
das Kreidezeichnungen Rembrandts der Zeit von 1636/37 anzukündigen scheint. Mit wunder-
barer Sicherheit sitzen punktierende Schwärzen als Akzente innerhalb des silbrig diaphanen
Linienspiels. Denken wir uns Zeichnungen wie die Entwürfe zur „Enthaltsamkeit Sci-
pios" in Kreide übersetzt, so entsteht ein der Antwerpener Zeichnung entsprechendes
Gebilde.

So verschiedenartig auch die diversen Kategorien von Kreideblättern der Frühzeit unter
sich sind, bilden sie doch eine einheitliche Familie, die sich von allem Späteren deutlich unter-
scheidet. Es seien hier noch zwei unpublizierte Kreideblätter der späteren Zeit besprochen,
nur um die Unterschiede gegen den Frühstil zu beleuchten. Zunächst das Kinderköpfchen
in schwarzer und weißer Kreide der Sammlung Dr. Feldmann (graues Papier, 306 X 238 mm,
Abb. 14). Kopfhaltung und Typus sind für Van Dyck so charakteristisch, die Entsprechungen
in seinem religiösen und mythologischen Oeuvre (z. B. Rinaldo und Armida 1629) so zahl-
reich, daß es sich erübrigt, für dieses lächelnde Engelsgesicht alle Detailbelege zu erbringen.
Alle an Jordaens und Rubens gemahnende Schwere der frühen Köpfe ist geschwunden. Das
Spiel der wenigen, sparsam andeutenden Linien ist ein graziöses Streicheln, zartes Umschmiegen
geworden, Bewegung und Ausdruck eines Augenblicks werden mit Grazie und Leichtigkeit
eingefangen. Das Wesentliche drückt der beschwingte Fluß der Konturen aus, die Wellung
der Binnenform gibt das flüchtige Spiel der Lichter. Mit Sorgfalt ins Detail dringende Studien
scheint Van Dyck in seiner Spätzeit nur mehr für seine Bildnisse vorgenommen zu haben,
diese allerdings mit höchster Genauigkeit bei aller Noblesse und Größe des Empfindens für
die Gesamtform. Eines der schönsten Beispiele besitzt die Albertina unter ihren neueren Er-
werbungen, eine Handstudie in schwarzer Kreide auf blauem Naturpapier (348 x171 mm,
Abb. 15). Das Motiv läßt sich nicht mit völliger Identität in einem der bekannten englischen
Bildnisse feststellen, wiewohl es in seiner lässigen Eleganz für den Meister typisch ist. Die
locker herabhängende Hand faßt leicht den Bausch einer weitfaltigen Seidenrobe — ibr Fassen
ist mehr ein Aufruhen —, während der bloße Unterarm, begrenzt durch den modischen Halb-
ärmel, sichtbar wird. Man vergleiche die in stereotypen Stellungen wiederkehrenden Hände
der ganzfigurigen Bildnisse von Königin Henrietta Maria (Windsor, Leningrad). Die Zeichnung
zeigt die einfühlende Kraft des Naturstudiums des Meisters, das bei der Bildausführung
durch die Schablone überdeckt wurde. Dem feinnervigen Spiel der Finger ist mit ungemeinem
Empfinden für das marmorhaft Spröde und doch zugleich organisch Pulsierende dieser Hand
nachgegangen. Kaum sichtbare Weißhöhungen auf dem Rücken lassen die Plastik von Knochen,
Muskeln und Adern deutlich zur Geltung kommen.

Weit hat sich der Meister in solchen Zeichnungen von der schwerschattigen Kraft der
Jugendblätter entfernt. Nur spröde, harte Steinkreide war das der Durchsichtigkeit solcher
Gebilde adäquate Material. Wo er aber in der Zeichnung das Strömen farbigen Flusses,
das Wechselspiel strahlender Lichtflächen und tiefer Schatten geben will, da greift er auch

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