Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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im einzelnen nicht erreichen kann. Er erzielt seine künstlerische Wirkung durch die freie
lockere Verteilung der heiteren Szenen in der gegliederten Fläche und nicht zuletzt durch die
wohlausgewogene Farhverteilung des weißen Musters auf dem (die gekreuzten Strichlagen
des Stiches vertretenden) braunen Grund, wobei sich dem Weiß und Braun des Schaftes
das Grau der Eisenteile in wirkungsvoller Gesamterscheinung klar gegenüberstellt.

BUCHBESPRECHUNGEN

Hieronymus Bosch par Charles de Tolnay,
Bäle, Les Editions Holhein, 1937. 129 S. Text, 128 S.
Abbildungen.

Tolnays neu erschienene Monographie über Hiero-
nymus Bosch erfüllt in doppelter Hinsicht ein lebhaftes
Bedürfnis der Fachwissenschaft. Erstens erscheint es
äußerst wünschenswert, eine Art von „Klassiker-der-
Kunst-Band" über diesen Meister zu besitzen mit guten
Abbildungen sämtlicher Bilder und Zeichnungen, wich-
tiger und gut gewählter Ausschnitte aus den viel-
figurigigen Gemälden und Wiedergabe auch der Kopien
verschollener Schöpfungen und der von anderer Seite
irrtümlich dem Meister zugeschriebenen Werke. Zwei-
tens aber nimmt Hieronymus Bosch immer noch nicht
die Stellung in der Kunstgeschichtsschreibung ein, die
ihm aus dreifachen Gründen gebührt. Er ist der be-
deutendste niederländische Maler zwischen Jan van
Eyck und Peter Bruegel, er ist einer der größten,
eigenartigsten und eindrucksreichsten Gestalter aller
Zeiten und er ist ein Neuerer, der alle inhaltlichen Bande
mittelalterlicher Tradition sprengt und als erster —
nicht nur in den Niederlanden — vollkommen souverän
mit dem Thema schaltet. Diese beiden Bedürfnisse
erfüllt das neue Buch vollauf. Jede weitere Beschäfti-
gung mit dem Meister wird von ihm seinen Ausgang
nehmen müssen.

Tolnay baut sein Buch chronologisch auf. Da ich
mich in den Anmerkungen eines vor dem Erscheinen der
Monographie geschriebenen Aufsatzes: Zur Entwick-
lungsgeschichte des Hieronymus Bosch, der im ersten
Bande des neu erscheinenden Jahrbuchs der belgischen
Museen abgedruckt wird, ausführlich mit diesem Teil
der Resultate Tolnays befasse, genügt es hier fest-
zustellen, daß meine Meinung von der Tolnays nur in
Einzelheiten, hier allerdings ziemlich häufig abweicht.
Für die großen Züge des Ablaufs der Entwicklung
schließe ich mich Tolnay durchaus an. Als sein Ver-
dienst ist vor allem die Erkenntnis zu buchen, daß
der koordinierend aufgebaute Luxuriaaltar im Escurial,
an den sich eng der Epiphaniealtar im Prado anschließt,
daß also die beiden Hauptwerke, die ich 1917 ans
Ende der ersten, bzw. an den Beginn der zweiten
Periode gesetzt habe, Spätwerke sind, eine Erkenntnis,
die mir ein neuer Weg, die Chronologie der Höllen-

bilder des Meisters festzustellen, den ich in meinem
hier genannten Aufsatz gewiesen habe, nur bestätigt.

Das Wichtigste an Tolnays Buch erscheint mir aber
nicht seine Darstellung der Entwicklung, sondern die
inhaltliche Deutung der vielen rätselhaften Züge in
den Werken des Meisters, an die die Kunstforschung
sich bisher kaum herangewagt hatte und zu der Tolnay
eine Reihe von neuen Gesichtspunkten aufdeckt.
Tolnay deutet jedes Gemälde. Man wird diese Deu-
tungen stets in Erwägung ziehen müssen, auch wenn
er gelegentlich inhaltliche Beziehungen herstellt, die
nicht sichtbar sind. So ist es keineswegs richtig, daß
auf dem Bilde der Hochzeit von Kana Christus, ohne
einen Blick auf die Bewegung des die Krüge umgießen-
den Kellermeisters zu werfen, den Kelch segne, den die
kindhafte Gestalt in der Mitte des Bildes hält. Über
die Blickrichtung Christi sind wir zwar infolge des
ungünstigen Erhaltungszustandes nicht eindeutig unter-
richtet, seine etwas ins Leere gehende Segensgestc muß
aber doch wohl den vor und unterhalb seiner Hand
befindlichen Krügen gelten und nicht dem Kelch, den
der Knabe, ohne sich überhaupt um Christus zu
kümmern, sichtlich der von Christus entfernt sitzenden
Braut darbringt. Einer kleinen Vergewaltigung in der
Beschreibung wie dieser stehen aber so viele positive
Elemente in der vertieften Erfassung des Inhaltlichen
gegenüber, daß wir nur verschiedentlich bedauern, daß
die Deutung nicht stärker ins Detail durchgeführt
worden ist.

Nur zwei ganz kurze Absätze sind den Zeichnungen
des Meisters gewidmet. Bedauerlich ist, daß hier bei
der Einteilung in Gruppen Text und Katalog nicht
ganz übereinstimmen, mehr noch, daß Tolnay seine
Aufteilung der Blätter auf die Entwicklungsperioden
des Meisters kaum begründet, so daß ich keine Ursache
sehe, meine Ausführungen über die Zeichnungen des
Hieronymus Bosch (Die graphischen Künste II, 1937,
S. 21 ff.) zu revidieren. Bei der allzu großen Knappheit
dieses Kapitels fehlte leider auch der Platz zu einer
inhaltlich ikonographischen Analyse der Zeichnungen,
wie sie uns kürzlich wieder für einige Blätter sehr
überzeugend Otto Benesch (Jahrbuch der preußischen
Kunstsammlungen 58, Berlin 1937, S. 258 ff.) dar-
gebracht hat.

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