Gesellschaft für Vervielfältigende Kunst [Editor]
Die Graphischen Künste — N.F. 3.1938

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Werk selbst ist kein Wort zu verlieren. Heute, unter
dem Eindrucke der spanischen Ereignisse, erscheint der
von Goya selbst gewählte Titel „fatales consecuencias
de la sangriente guerra en Espana con Bonaparte y ca-
prichos enfaticos" vor allem wegen der zu Herzen ge-
henden Problematik der „Wahrheits"-Blätter der „ca-
prichos enfaticos" wieder näherliegend. Buschbecks
Einleitung verweist nachdrücklich auf diese Zeitnähe
und außerdem auf allgemein-künstlerische Probleme,
wie das der Naturnähe u. a. Auf den graphischen Stil
geht er wohl wegen des volkstümlichen Charakters der
Ausgabe nicht ein.

Die Tiefdruckreproduktionen wirken vor allem un-
gemein effektvoll. Die Gegensätze von Hell und Dunkel
sind dadurch, daß sich in den Dunkelheiten die in
guten Originaldrucken fast immer noch vorhandenen
Helligkeiten im einheitlichen Tiefentone fast ganz ver-
lieren, gegenüber den Originalen oft gesteigert. Es
scheint überhaupt in der Reproduktionstechnik be-
gründet zu sein, daß der markante, in kurzen und in
sich unveränderten Strichen arbeitende Stil Goyas mehr
einen summarischen, oft fast impressionistisch wirken-
den Anschein bekommt. Doch hängt hiebei viel von
der Vorlage ab, deren Herkunft im Buche leider nicht
erwähnt ist. Gleichfalls der Reproduktionstechnik
ist es zuzuschreiben, daß die Aquatinta auch dort
recht schwer wirkt, wo sie hauchzart sein müßte; doch
kann auch hiefür teilweise die Vorlage verantwortlich
sein. Was aber nicht von der Vorlage abhängt, ist bei
vielen der reproduzierten Blätter ein unrichtiger Be-
schnitt. Es ist nämlich vielfach leider nicht der Ab-
druck der vollen Platten wiedergegeben, sondern die
eigentliche Strichdarstellung als Maß genommen, auch
wenn die Aquatinta darüber hinausreicht; als Haupt-
beispiele sind die Nummern 2, 36, 39 und 69 anzu-
führen. Gerade dieser Mangel ist umso bedauerlicher,
als er leicht zu vermeiden gewesen wäre und nun einige
der Werke in der Reproduktion in ihren künstlerischen
Akzenten entscheidend verändert erscheinen läßt.

Gustav Künstler

Giacomo Francesco Guarnati: Bianco e Nero.
Avviamento alla comprensione e alla raccolta della
stampa d'arte occidentale. Con 227 illustrazioni. Pre-
sentato dal Dott. Achille Bertarelli c dal Prof. Giorgio
Nicodemi. Hoepli editore Milano (1937).

Die beiden Sachverständigen des Bilddruckes, der
gelehrte Vorstand eines angesehenen Kupferstich-

kabinetts und ein erfolgreicher, hochherziger Sammler,
die das posthume Werk Guarnatis einbegleiten, druk-
ken den Entwurf eines Vorwortes ab, den sie in den
nachgelassenen Papieren des Autors gefunden haben.
Besser als alles andere zeigt dieser Entwurf, worauf es
Guarnati eigentlich mit seinem Buche ankam, und sei
daher hier übersetzt:

„Der Zusammenträger dieses Bandes ist weder ein
Gelehrter noch ein Graphiker, sondern ein Sammler.
Und darauf beruht vielleicht das Interesse, das dem
hiemit veröffentlichten Buche beschieden sein kann.
Wie alle Sammler hat er der Unerfahrenheit sein
Scherflein entrichtet, indem er manchmal dreihundert
oder vierhundert zahlte, wo der Wert kaum dreißig
oder vierzig, und dreißig oder vierzig, wo der Wert
null war. Und er hat in vielen Bänden nach Auf-
schlüssen gesucht, die ihm abgingen. Oft fand er sie
nicht, weil die Gelehrten sie für ihre Zwecke als un-
nötig erachteten und die Graphiker sie voraussetzten,
oder er fand sie unzulänglich und unklar. Das hat ihn
auf den Gedanken eines Handbuches gebracht, worin
in klarer Form die für das Verständnis des Bilddruckes
notwendigen Anfangsgründe und die Anleitungen ge-
sammelt wären, die vielleicht den Tribut des Noviziates
weniger drückend machen können. Und er hat ver-
sucht, seine Idee in die Tat umzusetzen."

Der I. Teil, der Bilddruck in seinen Grundbestand-
teilen, befaßt sich mit dem Papier, der Druckfarbe,
dem Material (Holz, Metall, Stein) und dem Druck-
verfahren. Der II. Teil (Handel und Sammeln) zer-
fällt in folgende Kapitel: Verleger, Drucker und
Händler; die chalkographischen Gesellschaften der ein-
zelnen Länder; Versteigerungen; Preise; Nachdrucke;
Faksimile-Drucke; Privatsammlungen; öffentliche
Sammlungen. Der III. Teil handelt vom Sehenlernen,
vom Sichführenlassen, von der Bewertung und schließ-
lich von der Wiederherstellung, der Darbietung und
der Aufbewahrung der Drucke.

Es ist ein ganz vortreffliches Werk, das jedem
Freunde der Graphik, insbesondere dem Sammler,
wärmstens empfohlen werden kann. Der knappe Text
wird durch die zahlreichen, überaus sorgfältig aus-
gewählten Abbildungen, die vielfach auf seltene Vor-
lagen zurückgehen und durch den Lichtdruck nach
einer Originalradierung von Giovanni Fattori eröffnet
werden, aufs dankenswerteste ergänzt. Ein ausführ-
liches Register erleichtert die Benützung. A. W.


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