Gombert, Hermann
Der Freiburger Münsterschatz — Freiburg [u.a.], 1965

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DIE BÜRGER UND IHRE PFARRKIRCHE

„Unsrer Lieben Frauen Bau“ war stets das „Herz der Stadt“, nicht nur äußerlich gesehen durch
die alles überragende Größe des „königlichen gebews“, sondern sicher bis zum Ende des 18. Jahr-
hunderts geistlicher Mittelpunkt der Bürger, die im Mittelalter als Zeichen ihres Selbstbewußt-
seins aus frommem Geist ihm Gestalt und Form verliehen haben. So preist Matthaeus Merian
in seiner Topographia Alsatiae 1644: „Es ist diese Statt. . . sonderlich berühmbt: Erstlich / wegen
der obgedachten Gotteshäuser; darunter das herrliche Münster / oder Hauptkirchen ist / so
einen prächtigen Thurn hat / welcher mit sonderlicher Kunst / von Grund auff / biß an den
höchsten Gipffel geführet / mit eytel Quader- vnd gebildeten Steinen gebawet und gezieret
ist; desgleichen man / nach dem Thurn zu Strassburg / in Teutschland nicht finden solle.“
Wahrscheinlich im edlen Wettstreit mit den anderen Münsterbauten am Oberrhein wollten
die Freiburger das ihnen allein Eigene zur Ehre Gottes und „Unsrer Lieben Frau“ erstellen und
waren dafür bereit, jahrhundertelang die größten Opfer zu bringen.

Heinrich Schreiber hat schon 1820 auf diese bewundernswerte Haltung der Bürger hingewiesen,
als er schrieb: „kaum stiegen die gewaltigen Massen empor, so verpfändete schon die Einwohner-
schaft, welche das Stocken dieses herrlichen Unternehmens besorgte, den größten Teil ihrer
Häuser und erbot sich, hiermit noch nicht zufrieden, durch ein freiwilliges und öffentliches
Gelübde zu einem immerwährenden Opfer für der ,Lieben Frauen Bau1 und zu einem alle
Zeiten dauernden Sterbefall.“10 Nicht nur die Erstellung des Außenbaues, sondern auch die
Einrichtung mit Altären, Kultgeräten, Paramenten usw. erforderten in allen Zeiten große
persönliche Anstrengungen.

Bewundernswert ist die Opferfreudigkeit der Bürger, die nicht nur Gelder, Häuser, Ländereien,
sondern auch jährliche Abgaben an Wein und Getreide schenkten, wodurch das Vermögen der
Münsterfabrik gefestigt und die Erlöse aus Zinsen, Vermietungen, Pacht und Verkauf dem Bau
selbst wieder zugute kamen. Die nicht verwandten Einnahmen wurden aus einem gesunden,
wirtschaftlichen Denken anderweitig angelegt, so daß das Vermögen anwachsen konnte. Aber
nicht nur das Münster und die ihm unterstellte Nikolauskapelle in der Neuburg lebten von der
Guttätigkeit der Freiburger. Auch die zahlreichen Männer- und Frauenklöster innerhalb und
außerhalb der Stadtmauern waren auf die Freigebigkeit und Güte der Bürger angewiesen. Diese
geübte selbstlose Haltung läßt sich nur aus der religiösen Bindung des mittelalterlichen und
barocken Menschen erklären.

Als der 1354 begonnene Bau des spätgotischen Chores nach kurzer Zeit für fast 100 Jahre zum
Stillstand kam, bat der Münsterpfarrer Johannes Kehrer anläßlich einer Pilgerfahrt nach Rom
im Jahre 1475 den damaligen Papst Sixtus IV. um die Ausstellung einer Ablaßbulle11. Die mit
dem Ablaß verbundenen Spenden waren in damaliger Zeit ein sehr beliebtes Mittel, Gelder für

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