Gombert, Hermann
Der Freiburger Münsterschatz — Freiburg [u.a.], 1965

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Der verdienstvolle Freiburger Historiker Heinrich Schreiber hat sich der Mühe unterzogen, die
im Jahre 1390 in der Stadt lebenden Geistlichen zu zählen33. Er fand die Namen von 77 Welt-
priestern. Hermann Flamm überprüfte die Angaben Schreibers mit dem Ergebnis: „Eine Liste
von 1385, die nur die untere Altstadt und die ganze Neuburg umfaßt, also die obere Altstadt
mit der Pfaffengasse (Flerrenstraße), wo die Pfründhäuser lagen, nicht einschließt, führt 30 Welt-
geistliche mit Namen auf, die Zahl 77 ist also durchaus glaubhaft.“34 Nicht zu vergessen sind
natürlich die Ordenspriester der Dominikaner, Franziskaner und Kapuziner, der Augustiner,
Antoniter und Kartäuser, die in ihrer Klosterkirche die Messe feierten. Freiburg hatte zu jenen
Zeiten vielleicht 20 000 Einwohner, so daß auf etwa 150 Seelen ein Priester kam.

Hieraus erhellt sich für uns die große Bedeutung, die man der Bindung an Gott und den Heiligen
im Mittelalter beimaß. Sie war die geistliche Substanz im Dasein eines jeden, dem die Welt nur
Durchgang zu einer beseligenderen Wirklichkeit war. In dieser Ausrichtung auf das Jenseits
versteht sich auch die Opferfreudigkeit der Bürger dieser Stadt. Sie bauten zu Ehren der aller-
seligsten Jungfrau Maria ihre Pfarrkirche, deren Turm in seiner triumphierenden Schönheit wie
ein Gebet zum Himmel aufsteigt. Er entstand in einer Zeit, als die Mystik, jene verinnerlichende
Frömmigkeit, erwachsen aus der Sehnsucht des einzelnen nach der Vereinigung mit Gott, hier
in Freiburg ihren Höhepunkt erlebte. Noch nicht genug damit, auch das Innere des Heiligtums
wurde auf das kostbarste ausgestattet, wie wir noch sehen werden.

UNSRER FRAUEN PFLEGER PFLICHT

Um den vielfältigen Anforderungen gerecht werden zu können, die der Gottesdienst im Mün-
ster und die Verwaltung des Vermögens stellten, wurden vom Bürgermeister und Rat Anweisun-
gen erlassen, die die Pflichten der an der Pfarrkirche Beschäftigten genauestem regelten. Diese
Verordnungen, in den 80er Jahren des 15. Jahrhunderts durch den damaligen Münsterschaffner
Niclaus Holdcrman im Anniversar-Buch des Münsters niedergeschrieben, gehen zum Teil auf
ältere Gewohnheiten zurück, denn es fällt mehrfach der Ausdruck „von alter her“. Sie befassen
sich mit den seelsorgerischen Aufgaben des Pfarrherrn und seiner Kapläne, gehen im einzelnen
hier sogar auf die Herrichtung des Fronaltars ein, vor allem auf die Frage, wieviel Kerzen an be-
stimmten Tagen auf dem Altar zu brennen haben. Sie sprechen von der Pflicht der Münster-
pfleger und der Schuldigkeit des Schreibers oder Schaffners auf der Hütten, über die Arbeit des
Werkmeisters, das Gelübde der Sigristen oder Sakristane, von denen einer Priester war34a,
über den Ordnungsdienst des „Bruders vorm Heiligen Kreuz“ und das Amt des Totengräbers35.
Bis ins einzelne ist jede Tätigkeit vorgeschrieben und festgelegt, so daß diese Anordnungen uns

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