Günther, Hubertus [Editor]; Bode, Michael [Contr.]
Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance — Darmstadt, 1988

Page: 21
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III. VORLAGENSAMMLUNGEN

Leone Battista Alberti schreibt über den Architekten: „Im übrigen
möchte ich. daß er sich so betrage wie die Jünger der Wissenschaft. Denn
niemand wird glauben, sich genügend mit der Wissenschaft beschäftigt zu
haben, wenn er nicht alle Gewährsmänner, auch jene, welche nicht gut
sind, gelesen und kennengelernt hat, welche über den Gegenstand, mit
dem er sich beschäftigt, etwas geschrieben haben. Was es alles an Bau-
werken gibt, an allen Orten, welche nach der Meinung und dem überein-
stimmenden Urteil der Leute sich bewähren, wird er auf das eingehendste
betrachten, abzeichnen, ausmessen und will er die Bauaufnahmen be-
sitzen . . ." (De re aed. 1X9. Ed. Theuer, 516). Diese Vorstellung vom
Architekten und die Forderungen, die Alberti an ihn stellt, sind vom italie-
nischen Humanismus geprägt. Aber sie gelten in gewissem Umfang schon
für den gotischen Architekten. Auch er studierte und verarbeitete die
früheren Bauwerke.

Viele Quellen des Mittelalters und der Renaissance berichten von Nach-
ahmungen bestimmter Bauten (Warnke 1976, 21, 161 Anm. 16. U. Berg-
mann, in: Ornamenta Ecclesiae I. 118). So ist überliefert, daß S. Marco in
Venedig nach dem Vorbild der Apostelkirche in Konstantinopel gebaut
wurde. Der Bischof von Arezzo entsandte 1026 vor dem Bau eines Domes
seinen Architekt nach Ravenna, um die Bauten dort zu studieren. Der
Bremer Bischof Adalbert (ab 1045) änderte den Plan des Domes, der
..nach dem Vorbild des Kölner Doms begonnen war und wollte ihn nach
dem Muster des Domes von Benevent fortführen". Abt Suger von St.-
Denis empfahl den Salomonischen Tempel, die Grabeskirche in Jerusalem
und die Hagia Sophia in Konstantinopel als würdige Vorbilder für Kirchen
(Simson 1972, 138s.).

Manche solcher „Kopien" halten sich nur an einzelne charakteristische
Züge des Vorbildes, manchmal sogar nur an bestimmte Maße oder Maß-
verhältnisse, so daß die Abhängigkeit nachträglich kaum noch erkennbar
ist (Krautheimer 1942). Aber oft sind sie dem Vorbild unverkennbar ähn-
lich: z. B. der ehemalige Dom von Arezzo glich S. Vitale in Ravenna, oder
Montecassino glich dem Petersdom, und dem Modell von Montecassino
folgte wiederum der Dom von Salerno, etc. Auch ohne Quellen erkennt
man vielfach, wo ein Bau als Nachahmung eines anderen oder in Anleh-
nung an einen anderen konzipiert ist. Beispielsweise folgen die Kirchen
der Mönchsorden (in der Gotik neu: Zisterzienser und Bcttelorden) unver-
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