Günther, Hubertus [Editor]; Bode, Michael [Contr.]
Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance — Darmstadt, 1988

Page: 88
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IX. DIE LEHRE VON DEN SÄULENORDNUNGEN

Die griechische Architektur der Antike brachte verschiedene Formen
des Dekors von Tempeln hervor.

Die Dorer setzten die Glieder des Holzbaus in Stein um. So entstanden
stämmige Säulen mit einem Polster (Echinus) und einer Deckplatte (Aba-
cus) als oberem Abschluß und ein dreiteiliges Gebälk. Die Querbalken
über den Säulen bilden den Architrav. Aus der Zone der Decke entwickelte
sich der Fries mit den Triglyphen als vorderer Verkleidung der Decken-
balken und quadratischen Schmuckplatten dazwischen (Metopen). Der
Ansatz des Daches (Corona) mit der Regenrinne (Sima) bildet das Gesims.
Der dorische Tempel bestimmt weitgehend das Gesicht der griechischen
Architektur der Klassik.

Die Jonier bildeten reichere Schmuckformen und elegantere Maßver-
hältnisse aus. Die Erinnerung an den Holzbau trat zurück. Die Säulen wur-
den erheblich schlanker. Sie erhielten phantasievoll profilierte Basen. Die
Kapitelle zeichnen sich besonders durch Voluten an den Ecken aus. Frei ge-
stalteter plastischer Dekor ersetzte die strenge Reihung von Metopen und
Triglyphen. Eierstab und Zahnschnitt belebten das Gesims.

Die Kapitelle gaben schließlich völlig die Bindung an die tektonische
Form zugunsten einer rein dekorativen Gestaltung auf. Breite Nachfolge
fand der Typ, den der korinthische Architekt Kallimachos erfunden haben
soll. Er war angeregt durch einen von Akanthus umwucherten, oben abge-
deckten Korb.

Der etruskische Tempel bestand weitgehend aus Holz. Er bildete eine
primitive Form des dorischen, nahm aber auch einzelne jonische Elemente
auf. In der republikanischen römischen Architektur herrschten vielfach
einfache, jonisch beeinflußte dorische Gliederungen vor. Die Architektur
der Kaiserzeit, beginnend mit dem Augustusforum, bevorzugte den joni-
schen Schmuck in Verbindung mit dem korinthischen Kapitell, das Kalli-
machos erfunden hatte. Die griechischen Formen wurden noch bereichert
und phantasievoll abgewandelt. Im ganzen gewannen die Säulen und Ge-
bälke in Rom zunehmend dekorativen Wert. Sie gaben ihre tektonische
Funktion vielfach auf, um tragende Wände als Blendgliederung zu schmük-
ken.

Vitruv beschreibt die Stile der Tempel. Nach ihm richten sich die geläu-
figen Bezeichnungen und Klassifizierungen der Glieder. Am Beginn der
Beschreibung steht offenbar als bevorzugter Schmuck die Jonica. Es folgt
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