Günther, Hubertus [Editor]; Bode, Michael [Contr.]
Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance — Darmstadt, 1988

Page: 68
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/guenther1988/0080
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
VII. VITRUV IN DER RENAISSANCE

Als einziges Traktat über Architektur aus der Antike ist die Schrift über-
liefert, die Vitruv in den Jahren 33-22 v. Chr. verfaßte und Augustus wid-
mete (Gros, Knell). Erhalten sind nur Abschriften (Krinsky). Die beste
Kopie bildet ein karolingischer Codex, der ehemals zur Düsseldorfer Bi-
bliothek des Kurfürsten Jan Weilern gehörte, jetzt in London, British Mu-
seum, Harleianus 2767.

Der ursprüngliche Text läßt sich durch Vergleiche unter den erhaltenen
Versionen bei Berücksichtigung von Vitruvs Quellen so gut wie vollständig
rekonstruieren, allerdings sind die Illustrationen Vitruvs verloren (vgl. Ed.
Fensterbusch).

Über Vitruv ist nur bekannt, was er selbst im Traktat berichtet. Er baute
eine Basilika in Fanum. von der nur ungewisse Reste gefunden wurden
(vgl. Abb. 1). Vermutlich diente er als ein Befehlshaber des Maschinen-
parks in Caesars Heer.

Das Traktat bezieht sich auf architektonische Traditionen. Aber es er-
schöpft sich nicht im Berichten. Es sollte Augustus beim Ausbau von Rom
zu einer Stadt aus Marmor den richtigen Weg weisen (Vitruv I Vom).

Behandelt werden in zehn Büchern die meisten Gebiete der Architektur,
die für Rom und die Zeitwende relevant waren: Anlage einer Stadt ein-
schließlich Erklärungen über Bodenbeschaffenheit und Witterung, Sakral-
bau (Gestalt und Dekor von Tempeln), privater und öffentlicher Profan-
bau, Methoden der Bauplanung, allgemeine Bautechnik und Kunde des
Baumaterials. Zudem setzt sich Vitruv ausführlich mit Maschinenbau und
anderen Wissensgebieten auseinander, die für die Architektur Bedeutung
gewinnen können, wie etwa die Himmelskunde und Kriegsgerät.

Der ideale Architekt sollte nach Vitruv handwerkliche Fähigkeiten mit
einer umfassenden Bildung vereinen. Nur so kann er seinem breiten
Aufgabenbereich wirklich gerecht werden (Vitruv I 1).

Vitruvs Traktat wurde in der Kaiserzeit berühmt. Plinius und andere
antike Autoren berufen sich auf Vitruv; Palladius und M. Cetius Faventinus
exzerpierten ihn. Am Hof Karls d. Gr. wurde Vitruv diskutiert. Alkuin zi-
tierte ihn. Einhard bat um Erklärungen schwieriger Fachausdrücke. Über
das ganze Mittelalter hinweg blieb Vitruv bekannt. Propst Goderamnus
von St. Pantaleon studierte das Harleianus-Manuskript von Vitruv, als St.
Michael in Hildesheim, seine Abteikirche, errichtet wurde (Weihe 1022).
Petrus Diaconus kopierte Vitruv Ende des 11. Jahrhunderts in Monte-
loading ...