Günther, Hubertus [Editor]; Bode, Michael [Contr.]
Deutsche Architekturtheorie zwischen Gotik und Renaissance — Darmstadt, 1988

Page: 30
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IV. DIE FIALENBÜCHLEIN DER SPÄTGOTIK

Fast gleichzeitig erschienen um 1485/86 zwei „Fialenbüchlein" in Süd-
deutschland, in den Zentren der Spätgotik (Binding/Nußbaum, 22-42).
Sie erklären grundlegende Konstruktionsregeln für einen wesentlichen Teil
des gotischen Dekors, die Fiale, und deren Anwendung im Verein mit dem
Kielbogen als Wimperg. Die dargestellten Regeln folgen alter Handwerks-
tradition. Ähnliche Konstruktionen kehren in spätgotischen Bauzeich-
nungen wieder (z. B. Koepf 1969, Kat. 53A. 55. Ders. 1977. Kat. 39. -
Abb. 5-7). Dazu werden elementare geometrische Lehren gegeben. Die
Verbindung von Geometrie und Architektur hatte bereits eine alte Tradi-
tion. Sie lebte auch im italienischen Humanismus fort und kehrte durchaus
ähnlich wie in den „Fialenbüchern'" in den Säulenbüchern des frühen
17. Jahrhunderts wieder (Krammer, Kassmann. - Vgl. Kap. XI). Anschei-
nend richteten sich die „Fialenbüchlein" weniger an Handwerker als an ein
gebildetes Publikum, das an architektonischen Dingen interessiert war.
Ähnliches gilt trotz anders lautender, an Handwerker gerichteter Vorworte
dann auch für die „Säulenbücher" der Renaissance. Es ist auffallend, daß
das architekturtheoretische Schrifttum in Deutschland um die gleiche Zeit
einsetzte wie in Italien, auch wenn es dort eine sehr unterschiedliche Rich-
tung nahm: 1485 erschien Albertis „De re aedificatoria" und wohl im fol-
genden Jahr die erste Vitruv-Ausgabe im Druck.

Neuerdings erfahren die gesamten deutschen Werkmeisterbücher der
Spätgotik eine umfassende Sammlung. Sichtung und Deutung durch
U. Coenen.

L MATTHÄUS RORITZER

„Das Büchlein von der Fialen Gerechtigkeit." Regensburg (Matthäus
Roritzer) 1486.

Roritzer (um 1430/40-1492/95) stammte aus Regensburg. In seiner
Familie hatte das Steinmetzhandwerk eine alte Tradition: schon sein Groß-
vater Wenzel und sein Vater Konrad übten das Amt eines Dombaumeisters
(„Thumbmaister") in Regensburg aus, waren als Architekten und Bau-
gutachter bekannt. Auch Matthäus erlernte das Steinmetzhandwerk. Wohl
schon um 1462 war er am Eichstätter Dombau beschäftigt. Im Laufe dieses
Jahres folgte er seinem Vater nach Nürnberg, um mit ihm zusammen am
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