Hübsch, Heinrich
Bauwerke: Text zum ersten und zweiten Heft — Karlsruhe und Baden, 1838

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DIE FINANZ-KANZLEI ZU CARLSRUHE.

Es wurde im Jahre 1828 höchsten Orts beschlossen, für das Grossherzogliche Finanz-
Ministerium, die Grossherzogl. Oberrechnungs-Kammer und die dem ersteren zunächst unter-
geordneten Mittelstellen, welche sich bisher meistens mit gemiethetenLocalen beholfen hatten,
ein gemeinschaftliches Kanzleigebäude zu errichten.

Diese Stellen waren — ausser dem Finanz-Ministerium und der Ober-Rechnungs-Kammer,
—■ die Hof-Domainen-Kammer, dieDirection der Forste und Bergwerke, die Steuer-Direction,
die Amortisations-Casse und die General-Staats-Casse.

Der gesammte Raumbedarf aller Stellen wurde mir nach der Fenster-Zahl angegeben,
wobei mit Ausnahme der zwei grössern Säle im zweiten Stockwerk, des gemeinschaftichen
Archivs im ersten Stockwerk hinter den Arcaden, der an beiden Ecken daselbst befindlichen
Cassen-Gewölbe und der kleinen Portier-Wohnung an der östlichen Ecke — meist Zimmer
zu zwei Fenstern vorgeschrieben waren. Jedes Gemach sollte — wo möglich — einen un-
mittelbaren Eingang vom Corridor aus haben.

So einfach auch das Bedürfniss an sich war, so schwierig wurde die Aufgabe wegen des
gegebenen Bauplatzes. Derselbe bildet — wie der Grundriss des ersten Stockwerks zeigt —
ein Viereck, dessen beide kürzere Seiten nicht parallel sind, sondern als Radien von dem
sogenannten Bleithurm ausgehen, und dessen beide längere Seiten an Strassen grenzen,
welche Kreis-Stücke von circa 9 Grad bilden. Es liegen zunächst um das Schloss herum,
ausser diesem Quadrat noch sieben solcher trapez-artiger Quadrate, welche an der innern
Seite mit Arcaden versehen sind, die dann bei dem vorliegenden Entwürfe ebenfalls fort-
gesetzt werden mussten. Auch durfte ich mir nicht erlauben, hinsichtlich der Sokel- und
Stockwerks-Höhen allzuviel über jene der bestehenden Quadrate hinauszugehen und war,
um die Uniformität nicht allzusehr zu stören, genöthigt, im zweiten Stockwerk Fenster mit
geradem Sturz zu wählen. Zu allem Ueberfluss hatte man bei der ursprünglichen Stadt-Anlage
einen Messfehler begangen, so dass die eine Diagonale des Quadrats um 10 Fuss länger ist
als die andere, wie bei dem Anblick des Grundrisses sogleich auffallen wird.

Ich arbeitete nun bei meinem Entwürfe hauptsächlich daraufhin, durch Vermittlungen und
Uebergänge alle diese Unregelmässigkeiten in der Art zu verbergen und zu mildern, damit
das von allen Seiten freistehende Gebäude dem Beschauer von keinem Punkte aus — weder
auswendig noch im Hofe—einen Misstand darböte. Und ich schmeichle mir, dass dies —
wenn auch nicht im Kleinen auf dem Papier, wo so vieles anders hervortritt als in der Wirk-
lichkeit — doch im Grossen gelungen ist, und zwar selbst auch in Bezug auf die Dachungen,
deren verschiedene Böschungen und Breiten mannigfach modificirt werden mussten, weil
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