Hübsch, Heinrich
Bauwerke: Text zum ersten und zweiten Heft — Karlsruhe und Baden, 1838

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EiLElTüG.

Wenn der Künstler nicht in einem ererbten Style fortarbeitet, sondern sich eine
neue Bahn brechen zu müssen glaubt, so hat er viele Reflexionen zu überwinden, welche zwar
bei dem Fortschreiten seiner Laufbahn, allmählig von Hauptfragen sich entfernend, mehr auf
Details übergehen, und so an Wichtigkeit abnehmen, aber kaum jemals ganz aufhören
können. Und was nun gar die individuellen Stimmungen hinsichtlich des mehr subjectiven
Theils der Composition betrifft, so unterliegen dieselben bei jedem Künstler häufigen Schwan-
kungen. Daher glaube man nicht, dass ich mit allen hier gegebenen (in verschiedenen Zeiten
entworfenen) Gebäuden jetzt noch völlig zufrieden bin; bin ich es doch kaum mit meinen
neuesten Gebäuden. Indessen will ich mich — aus mehrfachen Gründen — hüten, durch
bestimmtere Angaben mein eigener Kunstrichter zu.seyn, und den Urtheilen des Publicums
vorzugreifen. Es sey hier nur in allgemeinen Umrissen angedeutet, welches mein fetziger
Standpunct ist, und welche verschiedene Perioden ich durchlaufen habe, bis ich ihn erreichte;
was wenigstens für jüngere Architecten nicht ohne Interesse seyn dürfte.

Meine erste Ueberzeugung, dass die antike Architectur auch bei der freiesten Behandlung
für unsere heutigen Gebäude unzulänglich sey, und denselben als Kunstwerken den organischen
Zusammenhang ihrer Theile benehme, fällt schon in das Jahr 1815, wo ich mich auf dem
Atelier Weinbrenner's befand. Aber ich war natürlich damals noch zu unreif, um etwas
Anderes an die Stelle des Bisherigen setzen zu können.

Zunächst nahm mich der Spitzbogen-Styl (den ich in Zukunft, der Kürze wegen, mit
dem bekannten Worte „ gothisch" bezeichnen will) gewaltig ein; wahrscheinlich weil die
Ansichten eines Göthe, Schlegel u. s. w. viel auf mich einwirkten. Wie man in der Jugend
sehr schnell in Extreme übergeht, so wendete ich mich von den einfachen todten Flächen der
damals als Muster geltenden, im antiken Style gehaltenen Facaden, sogleich der reichen
lebendigen gothischen Architectur zu. Selbst im ersten Jahre meines Aufenthalts zu Rom
verringerte sich diese Vorliebe nur insoferne, als ich bei meinen Compositionen Vereinfachungen
mit den gothischen Formen vorzunehmen versuchte, weil mir denn doch der ruhige mächtige
Eindruck so mancher einfacher italienischer Gebäude im Vergleich zu den zackigen gothischen
Monumenten Deutschlands allmählig einleuchtete.
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