Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 13.1902

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INNEN-DEKORATION.

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Richard rtemerschm1d—münchen. Glasschrank.

welche ohne Anstrengung emporsteigen, um eine
Last zu tragen, die ihnen so leicht und schön wie
möglich ausgesonnen zu sein scheint. Nichts stört
sie bei ihrer Aufgabe; auch lässt sich kein Druck
spüren, keine Ausbauchung ändert die Reinheit
der Linie, die ungestört bleibt. Dort oben unter
dem Karniess, wo der Schatten wie eine ge-
waltige Masse erscheinen könnte, die zu schwer
zu tragen wäre, hat der Architekt daran gedacht,
eine Reihe von kleinen Pfeilern einzufügen, die
durch Bögen verbunden sind, und zwischen welchen

Fenster eingefügt sind. Dies ganze Bauwerk, das
die ungeheuere glatte Fläche der Scheiben über-
hängt, ist aus Bronze und lebt und blinkt da
oben; es erhebt sich wie eine Krone, welche das
Monument weiht, und welche am Abend Ströme
von Licht ausstrahlt. Dann nimmt das Gebäude
unerhörte Wendungen, es gleicht einer Kathedrale,
die aus grauen und goldenen Blöcken erbaut ist.
Grau sind die Pfeiler, golden die Scheiben. In
dem leichten Nebel, der sich um sie verbreitet, er-
scheinen sie unermesslich, und alle ornamentalen
Einzelheiten (die man am hellen Tage erkennt, und
welche eine Kritik erfordern) verschwinden, und es
bleibt nichts als das intensive Gefühl der Bewun-
derung.

Vergleiche würden sich aufdrängen, wenn uns
Jemand in derselben Strasse weiter bis vor ein
Gebäude führen würde, das eine ähnliche Bestim-
mung hat: das Warenhaus Tietz. Aber wenn wir
alles zu sagen und zu bezeichnen hätten, was wir
hassen, alles, was es Schreckliches in der Welt
gäbe, würde ich nie zu Ende kommen. Wenn ich
mich im Gegenteil auf das beschränke, was ich
bewundere, kann ich voraussagen, dass ich bald
am Ende meiner Arbeit wäre.

In Berlin, nahe dem Bahnhof Friedrichstrasse,
erhebt sich ein Gebäude von geringeren Propor-
tionen, und wenn es auch nicht für einen ganz
gleichen Zweck geschaffen ist, so ist es wenigstens
für einen ähnlichen. Es handelte sich darum, in
einem einzigen Gebäude mehrere Läden zu vereinen,
und sollten diese Läden sowohl in den Etagen,
sowie auch im Parterre liegen, und alle sollten
Fenster haben, die auf die Strasse gingen und von
dort aus gut gesehen werden konnten. Das von
Professor Messel ersonnene Prinzip legte sich not-
gedrungen auf, und der Architekt Breslau er hat
es auf sehr geschickte Weise zur Anwendung
gebracht. Er pflanzt eine Reihe von Pfeilern auf,
die er mit einem Stockwerk von Räumen und dem
Dach belastet und fügt dann zwischen den Pfeilern
die Glasscheiben ein. Die Reproduktionen dieses
Gebäudes, dem die »Polnische Apotheke« ihren
Namen gegeben hat, geben Anlass zu Vergleichen
zwischen diesem Bauwerk und dem Warenhaus
Wertheim. Die Fehler fallen zuerst ins Auge, und
gerade so wie die auf Pfeilern ruhenden Obelisken,
die den Eingang bei Wertheim beherrschen, uns
den ersten Eindruck verderben, so stört uns hier
das wenige Uebereinstimmen einiger ornamentaler
Elemente, die die vergangenen Moden nicht ver-
leugnen können. In seinem Ensemble weist dieser
Bau eine viel vollständigere Befreiung auf, als bei
dem Architekten Professor Messel. Vergleichen
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