Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 18.1903

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Hartwig, Zur Statue des Demosthenes.

ZUR STATUE DES DEMOSTHENES1.
Wir besitzen zwei in den Maßen und in allen wesentlichen Teilen überein-
stimmende, etwas überlebensgroße Marmorstatuen des Demosthenes, denen ein
gemeinsames Original zu Grunde liegt. Die eine aus der Villa Aldobrandini in
Frascati stammend, wurde 1823 vom Vatikan erworben und steht im Braccio nuovo
am rechten Ende der Galerie (nr. 62). Die andere Figur wurde in der zweiten
Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Campanien gefunden, im Jahre 1770 von einem
in Rom lebenden Engländer Jenkins an den Herzog von Dorset nach England ver-
kauft und befindet sich gegenwärtig in Knole Park (Kent), einem Besitztume des
Lord Sackville. Ein Abguß der Statue ist in Rom zurückgeblieben und steht in
einer Nische im Hofe des Hauses nr. 41 in Via del Babuino.
Wir wiederholen umstehend (Abb. 1) die Abbildung der Statue in Knole in
ihrem jetzigen Zustande nach einer von Herrn Dr. Μ. G. Zimmermann uns freundlichst
überlassenen Originalaufnahme, die gleichfalls der Abbildung in dessen »Kunst-
geschichte des Altertums«, S. 227 zu Grunde liegt2.
Man nimmt an, daß das Original unserer Demosthenesstatuen ein schon im
Altertume berühmtes Werk war, über welches wir eine ziemlich eingehende schrift-
liche Überlieferung besitzen. Es war eine Erzstatue auf dem Marktplatze von Athen,
welche auf Antrag des Schwestersohnes des Demosthenes von der Bürgerschaft im
Jahre 280 v. Chr., 42 Jahre nach dem Tode des großen Redners, errichtet wurde.
Der Verfertiger der Statue hieß Polyeuktos. Stil und Charakter unserer Demosthenes-
statuen entsprechen in der Tat genau jener Epoche, nur in einer, allerdings sehr
signifikanten Einzelheit weichen die Statuen im Braccio nuovo und in Knole Park
von dem Bilde ab, das in der pseudo-plutarchischen Vita des Demosthenes von
dem Werke des Polyeuktos entworfen wird. Es heißt nämlich (cap. XXXI), der
Redner sei mit ineinander gefalteten Fingern dagestanden: τούς δακτύλους συνεχών δι’
αλλήλων. Statt dessen sehen wir aber bei beiden Statuen des Redners in den
Händen eine halbentfaltete Schriftrolle. Bei der vatikanischen Statue löst sich die
Schwierigkeit leicht, denn die Hände und Teile der Unterarme sind eine moderne
Ergänzung. Bei der Statue in Knole Park ist über die Echtheit der Hände viel hin
und her debattiert worden. Die Verteidiger derselben sahen sich gezwungen anzu-
nehmen, daß die englische Statue eine Umarbeitung des Werkes des Polyeuktos
sei, so schwer es auch begreiflich ist, daß ein Kopist an Stelle einer offenbar sehr
charakteristischen Haltung der Hände eine allgemeinere, weniger sagende gesetzt
hätte3. Aber auch hier ist die Schwierigkeit jetzt behoben. Eine neuerliche,

J) Vergl. Sitzungsberichte des Kaiserlich deutschen
archäologischen Instituts zu Rom, Winckelmanns-
feier 1902.
2) Für die zahlreichen älteren Abbildungen dieser
und der vatikanischen Statue, sowie für die
ausgebreitete Literatur zu den Demosthenes-
statuen verweise ich im voraus auf den in

nächster Zeit erscheinenden Katalog des Vati¬
kanischen Museums von W. Amelung, Bd. I,
S. Soff.
3) Michaelis in der Archäologischen Zeitung 1862,
S. 240; Bernoulli, Griech. Ikonographie II, S. 80;
Helbig, Führer durch die öffentl. Sammlungen
Roms2, S. 17.
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