Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 24.1909

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J. Six, Euphranor.

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sie uns ein treues Bild des polykletischen Hermes übermittelt XI). Der Körper stimmt
mit dem der Bobolistatue durchaus überein, ebenso die Kopfhaltung und auch die
Haaranordnung, soweit man in diesem Punkte bei den verkleinerten Bronzen über-
haupt große Genauigkeit erwarten darf. Der gesenkte linke Arm der Statuette hielt
ebenso wie der der Bobolistatue das Kerykeion, der rechte Unterarm ist gehoben,
die Hand macht mit den Fingern eine ein Lauschen veranschaulichende Bewegung,
wie sie für den Hermes charakteristisch ist. Dieses schlichte Motiv ist echt poly-
kletisch, aber es genügte dem römischen Kopisten nicht. Er benutzte den erhobenen
Unterarm, um darauf mit einer leichten Änderung nach berühmten Mustern ein
Dionysoskind zu setzen.
München. Johannes Sieveking.

EUPHRANOR.

Das Wagnis, von der Kunst des Euphranor ein Bild zu entwerfen, nachdem
Robert J), Furtwängler (Meisterwerke 578 ff.), Amelung (Revue archeol. IV 1904, 325 ff.)
dies jeder in seiner Weise versucht haben, ohne viel Beifall zu finden, würde ich
kaum unternehmen, wenn ich mich nicht freuen könnte, auf meinem Wege hie
und da mit meinen Vorgängern zusammenzutreffen, und nicht meinte, in der Über-
lieferung noch unausgenutzte Hinweise zu finden.
Plinius (XXXIV 77. 78) spricht zunächst von unserem Meister in der Stelle
über die Erzgießer, indem er ihn hier nur in die alphabetische Reihe aufnimmt und
einige Werke erwähnt, ohne sie genauer zu charakterisieren. In geschichtlichem
Zusammenhang und mit eingehender Würdigung seiner Kunst wird Euphranor
erst in der Stelle über die Maler behandelt (XXXV 128. 129), obgleich es dort
nur zwei Werke zu verzeichnen gab. Mit einem Worte erwähnt er auch hier seine
Arbeiten in Marmor und Ton, schweigt davon aber in der überhaupt wenig ausführ-
lichen Behandlung dieser beiden Kunstarten.
Man muß also wohl von dieser Stelle und der sich daran anschließenden anderen
ausgehen, um sich von seinem Stil ein Bild zu verschaffen, kann eine Probe auf die
Richtigkeit dieses Bildes aber nicht an den Gemälden machen, da sich von den
beiden erwähnten Arbeiten keine Kopien erhalten haben. Es mag wundernehmen,
daß von Odysseus’ erheucheltem Wahnsinn keine Darstellung vorhanden ist,
besonders da auch Parrhasios diesen Stoff behandelt hat und noch Lukian sein
Gemälde zu beschreiben scheint, aber es ist nun einmal so.

") Furtwängler hat seine in den Meisterwerken ge-
äußerte Ansicht, daß wir den Hermes des Polyklet
durch die Annecy-Bronze nicht kennen lernen,
im Text zu Nr. 8 der Collection Somzee selbst
stark modifiziert. Schon Michaelis (Annali L
1878, 27) sah in der Bronze die Nachbildung

eines polykletischen Hermes. Ebenso Collignon,
Gesch. d. griech. Plastik I 539.
Votivgemälde eines Apobaten, XIX. Hall.
Winckelmannsprogramm 21 ff. und bei Pauly -
Wissowa s. v.
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