Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 24.1909

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W. Amelung, Zu der Grabstele eines Palästriten im vatikanischen Museum.

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des Timotheos nichts zu merken; sein Werk steht darum hoch über der rein dekora-
tiven Leistung jenes. Bryaxis endlich (III) zeigt eine Lebhaftigkeit der Darstellung,
die zunächst an Leochares erinnern kann; man vergleiche z. B. die Amazone 66 mit
58. Aber die erstere ist, obwohl in direktem Ansturm gegen einen Feind gedacht,
doch, ohne Rücksicht auf den Zusammenhang, nur um eine recht gute Figur abzu-
geben, ganz von vorne gebildet und wendet sogar den Kopf vom Gegner weg zum
Beschauer hin. Dieselbe Pose finden wir beim Krieger 3, der mit abgewendetem Ge-
sicht den Todesstoß zu führen scheint. Auch die Reiterinnen haben etwas Para-
dierendes, und selbst gut erfundene Figuren, wie z. B. 65, wirken eigentlich wie
gestellt 59).
Die Genueser Platte schließt sich stilistisch von allen vier Reihen am engsten
an diese letzte, also an Bryaxis, an. Wir finden hier dieselbe auseinandergezogene
Darstellung, einmal auch die charakteristische polygonale Lücke in der Komposition
(73—74, vgl. 3—4 und 66—68), einmal ferner die ähnliche Überdeckung (73—74)
und trotz aller Lebendigkeit in den Figuren etwas Pose; man vgl. 3—4 mit 76—77,
5 mit 75, 65 mit 74. Auch die ähnliche Anordnung der klaren Falten der fliegenden
Gewänder stimmt durchaus, aber alles ist bei der Genueser Platte überlegter, feiner
und in der Ausführung sorgfältiger. Wir gehen also kaum fehl, wenn wir diese
Platte zwar auch auf Bryaxis zurückführen, aber in ihr ein weniger dekoratives,
mehr für Einzelbetrachtung bestimmtes Werk sehen60). Auch in dieser Ansicht,
wie in vielen andern, freuen wir uns, wieder mit Brunn zusammenzutreffen, dessen
feine Analyse sich uns in so großen Teilen völlig bewährt hat und die uns auch da,
wo wir zu abweichenden Ergebnissen gelangt sind, überall förderlich, überall an-
regend war.
, , PaulWolters.
München. , , „ . . .
Johannes Sieveking.

ZU DER GRABSTELE EINES PALÄSTRITEN
IM VATIKANISCHEN MUSEUM.

Im vergangenen Frühjahr erhielt ich Einsicht in eine Beschreibung des Skizzen-
buches von Windsor Castle, die 0. Kern vor langen Jahren als Vorarbeit einer Pu-
blikation verfertigt hatte, ohne daß sein Plan zur Ausführung gekommen wäre. Die
Beschreibungen der einzelnen Blätter sind meist so klar und ausführlich, daß sich

59) Die gefallene Amazone 67 hat Amelung, Ausonia
1908, 109, mit dem epidaurischen Fragment 148
als völlig übereinstimmende Motive zusammen-
gestellt. Aber das epidaurische Fragment eines
Jünglings zeigt die deutlichen Reste des linken
Schenkels, der so angezogen war, daß sein Knie
die Brust berührte. Die verglichene Amazone

liegt mit dem entsprechenden Knie auf dem
Boden. Sie ist gefallen, er kniet mit stark vor¬
geneigtem Oberkörper.
60 ) Wer trotz der oben S. 183 f. angeführten Gegen¬
gründe die Platte glaubt zum Maussoleum
rechnen zu dürfen, wird sie demnach der Nord¬
seite, der Serie des Bryaxis, zuschreiben müssen.
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