Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 24.1909

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HERMES DES POLYKLET.
(Hierzu Tafel i und 2.)
In diesem Jahrbuch, XXIII 1908, 203 ff., hat G. Lippold klargestellt, daß die
bisher als Vertreter eines polykletischen Heraklestypus geltenden Köpfe mit
wulstiger Binde nichts weiter sind als Kopistenvarianten zweier Athleten-
schöpfungen des Meisters, des ,, Ruhigstehenden« in der Galleria delle statue des
Vatikans und der Statuette Barracco. Umgekehrt möchte ich im folgenden durch
Ausscheiden eines Kopfes aus der Replikenreihe eines polykletischen Athletentypus
eine Götterstatue des gleichen Künstlers schärfer beleuchten.
Der schöne Jünglingskopf des Bostoner Museums, den ich mit gütiger Er-
laubnis der Direktion dieser Sammlung auf Taf. 1 u. 2 nach dem in München befind-
lichen Abguß abbilde *), gilt als Wiederholung des Doryphorcs. So wird er im Er-
werbungsbericht des Bostoner Museums (Archäol. Anzeiger 1899, 135) bezeichnet,
und Mahler (Polyklet S. 27 Nr. 34) führt ihn in seinem Replikenverzeichnis dieser
Schöpfung auf. Ob schon irgendwo Widerspruch dagegen erhoben wurde, ist mir
unbekannt, die käuflichen Photographien tragen die Bezeichnung Head of Poly-
kleitan Youth. Diese Einreihung des Bostoner Kopfes gründet sich zweifelsohne
auf eine unleugbare Übereinstimmung in der Gesamtanlage seiner Frisur mit dem
Doryphoros. Die einzelnen Haarpartien sind in sehr ähnlicher Weise abgeteilt, be-
sonders die vor allem charakteristischen der Stirnumrahmung, gewisse Locken
scheinen sich hier tatsächlich an beiden Köpfen zu wiederholen. Prüft man allerdings
näher nach, so stößt man überall auf Abweichungen, die über das Maß der Kopisten-
freiheit hinausgehen, so ist z. B. um die Ohren herum der Verlauf der Locken grund-
verschieden. Schwerer als dies fällt aber ins Gewicht, daß bei dem Bostoner Kopf
eine stark ausgeprägte Ungleichheit der beiden Gesichtshälften auf eine andere
Kopfhaltung als die des Doryphoros schließen läßt, und zwar war der Kopf nach
seiner rechten Seite geneigt, wie die Zusammenschiebung des in geringen Resten
vorhandenen rechten Halsnickers, die die Mitte hält zwischen Doryphoros und Dia-
dumenos, und noch deutlicher die vollständig erhaltene Rückseite des Halses zeigt.
Auch die Bildung der Augenlider stimmt zu dieser Kopfhaltung: dem gesenkten
Blick entsprechend liegt das Oberlid wie beim Diadumenos schwer über dem Aug-
apfel und setzt das Unterlid in einer tiefen Furche von der Wange ab.

*) Eine Wiedergabe nach dem Original war leider auf dem Sockel aufsitzt und daher sehr un-
unmöglich, weil dieses in ganz falscher Haltung günstig wirkt.
Jahrbuch des archäologischen Instituts XXIV. I
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