Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 24.1909

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J. Marshall, Of a head of a youthful goddess, found in Chios.

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Vom Palatin oder Eros Steinhäuser im Louvre44). Es ist ein Werk von vorzüglichster
Ausführung und echt praxitelischem Geiste 45), von dem leider nur der Torso erhalten
ist. Immerhin lassen sich die Grundzüge der Komposition deutlich erkennen. Die
große Ähnlichkeit in der Körperstellung mit dem einschenkenden Satyr, die für diese
Stellung vorauszusetzenden Attribute von Kranz und Binde, das verhältnismäßig
kurze strähnenlose Haar und der jungpraxitelische Charakter des Werkes sind Gründe,
die sehr zugunsten unserer Annahme sprechen.
Das innere Wesen und die äußere Erscheinung des Eros haben im 4. Jahrhundert
eine so tiefe Veränderung erfahren, wie sie in gleich hohem Grade wohl keinem anderen
der griechischen Götter zuteil wurde. Die praxitelischen Erosbildungen sind zweifellos
die herrlichste und erhabenste statuarische Verkörperung der alten Auffassung.
Wenn der bogenspannende Eros tatsächlich das bekannte Werk des Lysippos ist,
das ebenfalls in Thespiae neben dem praxitelischen aufgestellt war, so sehen wir
auch in diesem Punkte, wie Lysippos der Vertreter der neuen Richtung wird. Und
wie die spätere Zeit darüber geurteilt hat, das zeigen uns die zahlreichen Repliken
des lysippischen Werkes. Die neue Richtung ist dann auch für die römische Zeit
die maßgebende geblieben. Diese Umwandlung in der Auffassung des Liebesgottes mag
uns auch den großen Widerspruch erklären, der in Bezug auf die praxitelischen Eros-
statuen zwischen dem begeisterten Lobe der literarischen und der Seltenheit von
Nachbildungen in der monumentalen Überlieferung besteht.
Sofia, April 1909. B. F i 1 o w.

OF A HEAD OF A YOUTHFUL GODDESS, FOUND
IN CHIOS.
In the text which accompanies the Antike Denkmäler II, Plate 59 (cf. Fig. 1),
where this head is published, will be found an account of its history, so far as I
could gather it, and an accurate description of its condition. Sorne reasons also
are there given which make it probable that it was originally covered by a veil.

44) Ergänzt sind: der Kopf mit dem oberen Teile
des Halses, der ganze r. Arm mit Hand und
Kranz, der 1. Unterarm mit Hand und Kranz,
der obere und untere Teil des r. Flügels, die
Spitze des 1. Flügels, kleinere Teile auf dem
1. Flügel und auf dem Rücken, das ganze r. Bein
mit dem Fuße, das 1. Knie mit den anstoßenden
Teilen des Ober- und Unterschenkels, der 1. Fuß,
der Baumstamm, die Plinthe. Köcher und Bogen
an dem Baumstamm sind antik und zugehörig.
Parischer (?) Marmor. Abgebildet: Photogr.
Giraudon 1205; Brunn-Bruckmann 378; Furt-
wängler, Meisterwerke 538 Fig. 99; Klein,

Praxiteles 240 Fig. 39; Collignon, Histoire II
282 Fig. 143; Perrot, Praxitele 44 Fig. 9. —
Eine zweite Replik befindet sich nach Collignon,
Scopas et Praxitele 77, in Parma (Arndt-Amelung,
Einzelverk. 74).
45) Vgl. Overbeck, Plastik 4 II 52; Furtwängler in
Roschers Lexikon I Sp. 1361 und Meisterwerke
538 f.; Collignon, Histoire II 281 f. und Scopas
et Praxitele 77; Perrot, Praxitele 55. »De toutes
les statues conservees qui peuvent pretendre ä la
qualification d’Eros de Praxitele, celle-ci est en
mesure de faire valoir les titres les plus d^cisifs«
(Collignon).
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