Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 24.1909

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W. Dörpfeld, Zum Dionysos-Theater in Athen.

An der Stelle, wo die 4 m hohe griechische Bühne mit Steinsäulen gestanden
haben soll, ist auch nicht ein Stein eines griechischen Fundamentes gefunden und
kann sogar nachweisbar kein griechisches Fundament gelegen haben; trotzdem
zeichnet Versakis ein solches ohne jedes Bedenken. Sodann haben alle erhaltenen
griechischen Skenengebäude, die wir ergänzen können, niemals mehr als zwei Ge-
schosse gehabt; trotzdem wird das Skenengebäude des Lykurg von ihm als drei-
geschossiger Bau ergänzt. Nach den Ruinen und nach der Überlieferung bei Pollux
IV 124 (s. oben 217) war ferner an den griechischen Skenen nur das Untergeschoß
mit Säulen ausgestattet; trotzdem zeichnet Versakis nicht nur die beiden Oberge-
schosse seiner griechischen Skene mit erfundenen Halbsäulen, sondern auch die
griechischen Paraskenien mit Silenen und Satyrn, die zwar vorhanden sind, aber dem
Bau des Nero zugeschrieben werden müssen. Und obwohl er der Skene im Äußeren
zwei Obergeschosse gibt, ergänzt er im Innern einen durch zwei Etagen durchgehenden
Saal ohne jede Zwischendecke und mit hohen Innensäulen. Abgesehen davon, daß
die Zugehörigkeit der hierbei benutzten, viel zu großen Säulentrommeln zum Theater
durch nichts bewiesen ist, gibt es meines Wissens überhaupt keinen griechischen Bau
von solcher Gestalt. Auch ist die Angabe falsch, daß ich die für Innensäulen vorhan-
denen Fundamente der römischen Zeit zuschreibe, denn an der zitierten Stelle (S. 60
meines Buches) steht gerade das Gegenteil. Irrtümlich ist ferner seine Ergänzung
der Rückwand des Skenengebäudes; nicht auf der dünnen Wand mit den großen
Löchern, sondern auf der daneben liegenden stärkeren Mauer hat sich, wie meine
Zeichnungen richtig angeben, die Rückwand erhoben. Ganz unannehmbar ist
endlich für jeden Techniker die Erklärung, welche Versakis für das in der Mitte der
Rückwand vorhandene starke Fundament und für die in dieser Wand befindlichen
großen Löcher gibt; weder im Altertum noch in der Gegenwart hat man solche Mauer-
klötze und solche Löcher zur Verstärkung einer Mauer gemacht. Meine neuere Er-
klärung für die Löcher, daß sie zur Aufnahme der großen Pfosten einer hölzernen
Skene vor Erbauung des steinernen lykurgischen Skenengebäudes gedient haben
(Ath. Mitt. XXXII 1907, 231), scheint Versakis gar nicht einmal zu kennen. Der
ganze zweigeschossige Oberbau der griechischen Skene ist also ein willkürliches
Phantasiegebilde; alle dazu benutzten Steine gehören entweder zur römischen Skene
oder stammen überhaupt nicht vom Theaterbau.
5. Über die Versatzmarken an den verschiedenen Steinen der griechischen
und römischen Skene werde ich an anderer Stelle ausführlich sprechen. Die wichtigen
Buchstaben an den Stylobatplatten der Paraskenien scheinen weder Petersen
noch Versakis bekannt zu sein. Auch sie bestätigen den von Versakis geleugneten
Umbau des lykurgischen Proskenions in hellenistischer Zeit.
Berlin, im März 19IO. Wilhelm Dörpfeld.
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