Kemp, Wolfgang; Heck, Kilian [Editor]
Kemp-Reader: ausgewählte Schriften — München , Berlin: Dt. Kunstverl., 2006

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Teleologie der Malerei

9. Als Klassiker unter Klassikern
Das ist auch Poussins Strategie, auch dem engsten Freund Chantelou gegenüber: siehe das
Glossieren der Briefe, siehe den Hintergrund vor allem des Pariser Bildnisses, der weitere
Bilder verspricht und dies in einer Art und Weise, von der wir gesagt haben, daß sie
keinen Abschluß und keine Lösung bereithält. Das Werk als ganzes und als nie vollende-
tes, als Ergon, das nicht ohne Parerga auskommt und in der Sammlung automatisch zum
Parergon wird, als Mitte und als Randglosse, der Betrachter als Dublette des Autors, als
enger Vertrauter und Freund und als der große Abwesende, als die Leerform damaliger,
jetziger und zukünftiger Projektionen — dem gefährdeten Status des neuzeitlichen
Staffeleibildes entspricht in den einsichtigsten Werken eine Überlebensstrategie, welche
die Gefährdung weiterreicht und zur unabschließbaren Aufgabe des Kontexts, heiße er:
Betrachterindividuum oder Institution, macht.
Diese Strategie hat Poussins Werke über die Kluft vieler Meilen zwischen Rom und
Paris und vieler Jahre zwischen seinen und allen folgenden Zeiten getragen. Schon Chan-
telou wußte, was er dem Selbstbildnis schuldete. Wir können nicht genau sagen, wie er
das Werk inszeniert hat, aber aus der in diesem Punkt etwas unklaren Beschreibung
seiner Sammlung anläßlich des Besuchs von Bernini im Jahr 1665 ist immerhin soviel er-
sichtlich, daß das Bildnis am Anfang der Raumfolge gehangen hat, in denen ausschließ-
lich die Poussins ausgestellt waren.” Es funktionierte wie eine Art Autorenporträt auf dem
Frontispiz. Der Brief, mit dem Chantelou den Empfang des »wie üblich sorgfältig ver-
packten« Werkes quittierte, muß Poussin jedenfalls nicht nur beruhigt, sondern auch in
seiner Generallinie bestätigt haben: »Der Platz, den Ihr meinem Porträt in Eurem Haus
einräumt, steigert meine Schulden ums Vielfache. Es wird dort so würdig aufgehoben sein
wie das Bildnis des Vergil im Museum des Augustus. Ich kann darüber nicht minder stolz
sein, als würde es in der Sammlung der Herzöge von Toskana zusammen mit den Porträts
von Leonardo, Michelangelo und Raffael hängen.«49 50 Rhetorische Übung oder gelinde
Überheblichkeit? Ich denke, daß Poussins Assoziationen hier eine eher flache, deskriptive
Qualität haben. Er wollte ja nur dieses eine: als Klassiker unter die Klassiker einrücken.
Vergil ist da in der Tat die beste Referenz — ein anderer, wohl der erste geplante Klassiker.
Hält man solche Ambitionen für unbescheiden und möchte man das Wörtchen nur
lieber in Anführungsstrichen sehen, vergißt man, daß wir von einer unter mehreren
erfolgreichen Strategien sprechen. Man denke einen Moment an das breite Spektrum
künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten in der Malerei nach 1600, um zu realisieren, daß
Poussins Klassizismus eine Spezialität ist und man ihm keinen Totalitätsanspruch unter-
stellen kann. Wer den Weg der Klassik einschlägt, will auf ihre besondere Weise Eindruck
machen und überdauern. Nicht mehr und nicht weniger.

49 Chantelou, Journal du voyage du Cavalier Bernin en France, hrsg. v. L. Lalanne, Gazette des Beaux-Arts 16,
1877, S. 176. Zit. nach der deutschen Übersetzung in Katalog Poussin (wie Anm. 6), S. 41, s. jetzt auch die
praktische englische Ausgabe von A. Blunt, Princeton/N.J. 1985, S. y6ff.
50 Poussin (wie Anm. 7), S. 417. Vgl. zu dieser Stelle Winner (wie Anm. 4), S. 423.
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