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Kemp, Wolfgang; Heck, Kilian [Editor]
Kemp-Reader: ausgewählte Schriften — München , Berlin: Dt. Kunstverl., 2006

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https://doi.org/10.11588/diglit.55647#0230

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Wörtlichkeit und Weltlichkeit

ressiert an den Gesetzen eines >guten Erzählens< und an den Motiven und Bedürfnissen
des >human interestc Mit anderen Worten: Es gibt einen Mangel schon auf der ureigen-
sten Ebene des biblischen Berichts als Erzählung. Auf ihn antwortet die große Tradition
der auffallenden und komplementären Narratio, die sich in so verschiedenen Gattungen
geäußert hat wie: Midrash, Apokryphe, Hagiographie, Legende, Ballade usw. Dieses un-
kanonische, Bachtin würde sagen: >anderssprachige< Erzählen (Heteroglossia) ist vorran-
gig damit beschäftigt, seine Hausprinzipien Lebensnähe und Folgerichtigkeit in einem an-
deren oder gegen ein anderes narratives Habitat zur Geltung zu bringen.’
Das zweite Defizit entstand aus einer von außen kommenden, epochalen Anforde-
rung: Eine Weltreligion, wie es das Christentum seit den Tagen Konstantins ist, läßt sich
nicht auf der Basis einer historischen Erzählung legitimieren, eines Geschichtsberichts, der
ja nicht wie die mythische Erzählung per analogiam die großen Strukturen der Welt und
der sozialen Ordnungen abbildet. Jede Kultur spricht über sich, wie Jurij M. Lotman sagt,
durch zwei > Texte: durch einen, der festhält, wie alles geordnet ist, und einen, der erzählt,
wie alles geworden ist.3 4 Mythische Kulturen pflegen diese Perspektiven ineinander aufge-
hen zu lassen. Das Christentum ist keine mythische Kultur. Es ist gehalten, diese >Texte<,
diese Perspektiven auf das Ganze zu synthetisieren und dafür Elemente, Denkmuster,
Figuren wiederzuverwenden und christlich umzurüsten, die aus der heidnisch und letzt-
lich mythisch inspirierten Tradition eines Denkens in Analogien stammen. In der Kom-
bination mit dem anderen >Text< der Erzählung bilden sie eine völlig neue und wohl nur
in christlicher Kunst zu findende Form der Synthesis.5 Es gibt also einen Zwang zum the-
matischen Komplement, zu einer zweiten Ordnung, welche mit Hilfe von übergreifenden
Figuren argumentiert.
Das Problem, das sich bei der Adaption solcher Anordnungsfiguren stellte, war nicht
ihre nicht-christliche Herkunft, beachtet werden mußte vielmehr das Verbot des »Kos-
motheismus« (Jan Assmann), das den Juden und Christen die Anbetung Gottes im Sicht-
baren untersagte.6 Die Vermeidungsstrategie, welche die christliche Kunst einhielt, finden
wir im Prolog des Johannes-Evangeliums vorgebildet, welcher ja der klassische Fall einer
thematischen Antwort auf die Defizite der historischen Erzählung ist, die noch innerhalb
derselben, d. h. genauer: vor derselben eingeht. Vor den logoi, dem ungefestigten Bestand
mündlicher Überlieferung, steht der Logos als »foundational stability, a force outside of
time and prior to world«7. Er begründet nicht nur die Autorität einer Erzählung, welche

3 Michael M. Bachtin, Die Ästhetik des Wortes, hg. v. Rainer Grübel, Frankfiirt/Main 1979, S. 192 ff. In einen
methodologisch weiterreichenden Rahmen gestellt bei Aleida Assmann, Kultur als Lebenswelt und Monu-
ment, in: Aleida Assmann und Dieter Harth (Hg.), Kultur als Lebenswelt und Monument, Frankfurt/Main
1991, S. 15 ff.
4 Jurij M. Lotman, On the Metalanguage of a Typological Description of Culture, in: Semiotica 14 (1975),
S. 102.
5 Zu dieser Auffassung von christlicher Kunst s. meinen Aufsatz: Mittelalterliche Bildsysteme, in: Marburger
Jahrbuch für Kunstwissenschaft 22 (1989), S. 121-134, und demnächst mein Buch über die Strukturen christ-
licher Kunst des Mittelalters.
6 Jan Assmann, Magische Weisheit, in: Aleida Assmann (Hg.), Weisheit. Archäologie der literarischen Kom-
munikation III, München 1991, S. 241-257.
7 Werner H. Keiber, In the Beginning Were the Words, in: Journal of the American Academic of Religion 58
(1990), S. 90.
 
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