Kemp, Wolfgang; Heck, Kilian [Editor]
Kemp-Reader: ausgewählte Schriften — München , Berlin: Dt. Kunstverl., 2006

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Wörtlichkeit und Weltlichkeit

var Cristr boren äjordu, at Stephanus vaere i dag boren a himni31. Wie konnte die Kirche
diesen Heiligen, der ja ihr Patron ist, opfern? Hat sie ihn wirklich ganz geopfert? Der Zyklus
wartet am Ende, am Schluß auch des Epilogs, in seiner letzten Figur mit einem Rätsel auf,
das wir hier nur noch mit einer kühnen Vermutung frontal angehen können (Abb. 5).32 Der
Engel, der Maria zum Zeichen ihres nahenden Todes einen Palmzweig überreicht, der
negative Verkündigungsengel also, er ist kein Engel. Es erscheint für ihn ein junger Mann
in dem Gewand und der Haartracht des Geistlichen; er steht vor einem geschmückten
Altar mit Buch und Kelch; auf der anderen Seite, neben Maria, sehen wir ein Taufbecken.
Wir sind in der Kirche; Maria kehrt am Ende ihres Lebensweges dort ein, wo sie als Symbol-
gestalt ein ewiges Zuhause hat. Wer aber ist der priesterliche Bote? Er trägt einen Heili-
genschein, was ausschließt, daß es sich um den generischen Priester einer ekklesiologischen
Schlußallegorie handeln könnte. Der Heiligenschein dieser unidentifizierten Gestalt bringt
uns darauf, daß der Maler, der sonst so freigiebig mit diesem Attribut umgeht, dem Stephan
einen solchen nicht austeilt, auch im Moment des Martyriums nicht, da die aus den Wolken
kommende Hand Gottes das Opfer des Blutzeugen segnet. Stoßen wir hier vielleicht auf
einen inneren Vorbehalt der kirchlichen Autoritäten, die Stephan lizensiert, aber nicht kano-
nisiert wissen wollen? Will die Kirche das letzte Wort behalten, indem sie Stephanus zum
Schluß restituiert, in der Gestalt des ewigen Diakons und desjenigen Heiligen, der als er-
ster die Palme der Märtyrer empfangen hat und sie nun an die Gottesmutter weitergibt?
In der nordischen Ikonographie des Stephan/Stephanus wäre das nicht das erste und das
einzige Mal, daß der Heilige in seiner korrekten Tracht, aber an der falschen Stelle figuriert,
nämlich im Kontext der Weihnachtsgeschichte als Opfer des Herodes. So stirbt er auf dem
Relieffeld eines norwegischen Altarfrontale des 12. Jahrhunderts (Abb. 1).
Der Erzähler von Dädesjö ist darin >genauer<, daß er sich auf derart hybride Lösungen
nicht einläßt, sondern das argumentative Potential einer kompositen und komplementären
Ordnung ausschöpft. So wie das weltumspannende Verbum und seine unverrückbaren >key
positions< sich mit den Sequenzen der Bilderzählung zu einem System fügen, so wie Bibel
und Legende, Schrift und Wort ihre spezifischen Gewichte Zusammenlegen, so würde sich
also, wenn diese Deutung zu Recht besteht, auch der doppelte Heilige auf die signifikan-
ten Positionen dieser Bildsumme verteilen: Der weltliche Stephan erscheint in der Erzäh-
lung und geht ganz in ihr auf; der geistlichen Stephanus zeigt sich so gut wie außerhalb der
Erzählung, im symbolischen Feld der Institutionen Kirche und Schrift. Ich verweise auf das
erste Bildfeld der Erzählung, wo ein König mit einem Buch attribuiert wird, und auf das
letzte, wo der Heilige neben dem mit Kelch und Buch geschmückten Altartisch steht. Die
Botschaft scheint unmißverständlich: Die Kirche behält das erste und das letzte Wort, wel-
ches die Schrift ist. Scripta, non verba manent. Nur: Ein >Skript< hat für die Bilderdecke
wohl nie existiert. Wer diesen >Text< lesen will, muß vorher vieles gehört haben.
Abbildungsnachweise: i Historik Museum, Bergen (Norwegen); 2a, 3e-fi Bildarchiv Foto Marburg; 2b nach E.
Poeschel, Die romanischen Deckengemälde von Zillis, Erlenbach-Ziirich 1941; $a-d: Antikvarisk-Topografiska
Arkivet, Stockholm; 4-5 nach B. G. Söderberg, Mäster Sighismunder i Dädesjö, Malmö 1957.

31 Celander, Till Stefanslegendens [Anm. 16], S. 135.
32 Söderberg [Anm. n], S. 48, sieht hier den Evangelisten Johannes dargestellt; um die kalendarische Struk-
turierung der Ereignisfolge bis zum Schluß durchhalten zu können, deutet Stigell [Anm. 14], S. 253 ff., die
Szene als »Mariae Lichtmeß«.
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