Kemp, Wolfgang; Heck, Kilian [Editor]
Kemp-Reader: ausgewählte Schriften — München , Berlin: Dt. Kunstverl., 2006

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Ellipsen, Analepsen, Gleichzeitigkeiten

Abb. 1: William Hogarth: The Harlots Progress (1731). Blatt I
(Harlot, die Unschuld vom Lande, kommt in die Stadt).


punkte auslassen konnten; das Verständnis war in der vorgängigen Text- und Bildkenntnis
oder in anderen Zeitsystemen wie etwa der Liturgie aufgehoben. Probleme ergaben sich im-
mer dann, wenn die Maler neue Geschichten erzählen wollten oder mußten. In dieser Hin-
sicht erscheint das Werk von William Hogarth besonders aufschlußreich. Hier treffen wir
auf beides, auf den Fall, daß das Verhältnis von Intervall und Bild sich schwierig gestaltet,
und auf den Fall, daß dem Intervall die negative Potenz genommen und es als wirkliches
Aufbauelement der Erzählung, als Ellipse genutzt wird. Von diesen Möglichkeiten wird der
erste Teil handeln, indem er zwei Minizyklen der Graphiker Hogarth und Klinger näher
betrachtet. Der zweite Teil geht insofern ein Stück weiter, auf eine noch extremere Frage-
stellung zu, als er von der scheinbar absolut geltenden Homologie von linearer Anordnung
und zeitlicher Folge einmal absieht und danach fragt, wie es einer Bilderzählung gelingt,
die Erzählformen der Gleichzeitigkeiten und der Rückblende (Flashback, Analepse) zu
realisieren - zwei Organisationsformen des narrativen Materials, die zur unverwechsel-
baren Zeitgestalt einer Erzählung nicht weniger beitragen als die Abfolge von ausgefuhrten
und ausgesparten Einheiten, von gedehnten und gerafften Phasen.
I
Hogarth, der ein Autor und nicht ein Nacherzähler sein wollte, kommt nach der großen
Zeit des monoszenischen Erzählens, nach Poussin, Rubens und Rembrandt; er bleibt der
Norm des Historienbildes im wesentlichen verpflichtet und bildet seine Zyklen aus stark
komprimierten Einzelbildern, nicht aus filmischen Minizyklen. Das hohe spezifische
Gewicht der Tableaus verlangt nach Beschränkung des Zyklus, was aber den Autor nicht
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