Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 6.1890-1891

Seite: 206
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Unsre Bilder. Oom Herausgeber — Personal- und Ateliernachrichten

ihr der Sturm fast den Hut fortnimmt, doch so tapfer
aushält auf ihrem Wachtposten, daß man fast auf den
Verdacht gerät, sie werde wohl nicht nach Seehunden so
beharrlich ausschauen. Übrigens scheint sie ihrer Sache
so sicher und von Charakter so resolut, daß man ihr
wohl nicht Unrecht thut, wenn man annimmt, daß sie
ihre Beute schon ganz in der Nähe und bereits im ge-
wohnten seichten Wasser daherschwimmen sehe.

Zum Schlüsse wollen wir noch auf die hier mit-
geteilteu neun Blätter aus dem „Totentanz" von Otto
Seitz Hinweisen, die schon darum große Aufmerksamkeit
verdienen, weil er uns eine Reihe ganz moderner Situa-
tionen vorfuhrt, wo der Tod entscheidend eingreift. So

bei dem Maler, dem erst der Tod den langersehnten
Lorbeerkranz in seine ärmliche Dachstube bringt, oder
der Tod als Weichensteller bei der Eisenbahn, als Fähr-
mann im Sturm, als Wunderdoktor. Oft geschieht das
mit grausamer Ironie, so wenn er dem Selbstmörder
den Strick bietet oder als Lumpensammler die Pest bringt
u. s. f. Diese sich ganz an die Holbeinsche anschließende
Auffassung des Todes fesselt fast immer durch den wilden
Humor und die mit den einfachsten Mitteln eine schlagende
dramatische Wirkung erzielende Kraft.

Man kann daher dem Erscheinen des schon vor
zwei bis drei Jahren entstandenen Merkchens mit vollem
Interesse entgegensetzen.

Zierleiste, von G. von Bochmann

Aus dem Kataloge der Iabres-Ausstellung der Düsseldorfer Rünfllerschaft

Personal- und Mkeliernachrichken

r. ?t. Am 0. d. M. hat der berühmte Dresdener Bild-
hauer Ernst Hähncl seinen 80. Geburtstag gefeiert, ein um so
selteneres Fest, als es dem Jubilar vergönnt war, dasselbe noch
in voller Rüstigkeit des Körpers und Geistes, umgeben von zahl-
reichen Schülern und Verehrern, zu begehen. — Wir haben für-
wahr um so mehr Grund, dasselbe mitzufeicru, als Hahne! zu
den so seltenen Künstlern gehört, die nicht nur ihren Jugend-
idealen vollkommen treu geblieben sind, sondern auch mit wunder-
barer Kraft immerfort nach höherer Vollendung gerungen haben,
nie zu handwerksmäßigem Schaffen herabgesunken sind. Der Cor-
nelianischcn Richtung unsrer Malerei durchaus verwandt und nur
noch stärker von der griechischen wie der altflorentinischen Kunst
beeinflußt, hat er aber sich darin gründlich vom Klassizismus
jener unterschieden, daß er, obwohl von Haus aus Idealist, den-
noch die Natur mit viel größerer Pietät studierte, als es die
Maler seiner Richtung meistens thaten. So hat er es denn zu
einer langen Reihe von monumentalen Meisterwerken gebracht,
die in ihrer edlen Strenge der deutschen Plastik für immer zur
Ehre gereichen werden. Unter ihnen sind der Körner in Dresden,
der Lcibniz in Leipzig durch ihre tiefdurchdachte Auffassung ebenso
merkwürdig als dadurch, daß er sie noch in seinem späten Alter
schuf und damit den Beweis von einer ungewöhnlichen Elastizität
deS Geistes lieferte. Dennoch wird man sein Hauptverdienst in
seinen rein idealen Schöpfungen, wie dem herrlichen Bacchuszug
am alten Dresdener Theater, den köstlichen Arbeiten am Dres-
dener Museum, den Figuren für die Loggia des Wiener Opern-
hauses u. a. m., zu suchen haben. Hier entwickelt er eine heitere
Schönheit und Lebensfülle, die im Verein mit der keuschen Strenge
der Form ganz dem Charakter und auch dem Reiz einer jugend-
lich aufstrebenden Kunstperiode entsprechen. Unterstützt von einer
tiefen Bildung, hat er durch sein anregendes Wesen auch als
Lehrer außerordentlich segensreich gewirkt, wie dies Kundmanu,
Bcnk und König in Wien, F. v. Miller in München, Dorer in
Basel, Harzer in Hannover, Henze, Storckcr in Dresden, Behrens
in Breslau u. a. beweisen. — Neidlos und immer willig, das
Verdienst andrer anzuerkenncn, hat er nicht nur seine Schüler in
jeder Weise zu fördern und ihnen ihr Emporkommen zu erleichtern
gesucht, wie sie ihm denn auch alle die größte Anhänglichkeit be-
wahrt haben. Nächst Rauch besitzt er jedenfalls die ausge-
sprochenste Persönlichkeit in seinen Werken unter allen Zeit-

genossen, ja er ist gerade durch seine Stilstrcngc ein echt nationaler
Künstler geworden, da er ihr den größten Phantasicreichlum zu
gesellen wußte.

I>. Berlin. Im Namen der deutschen Knnstgenosscuschast
und in Vertretung deS Hauptvorstandcs überreichte am 0. März
Professor Fritz Schapcr Herrn Professor De. Hähnel aus Aulaß
seines 80. Geburtstages einen prachtvollen, silbervcrgvldetcn Pokal,
eine getreue Nachbildung des sogenannten Jagdpokals aus dem
Lüneburger Ratssilbcrfchatz.

— Paris. An Stelle Meissoniers ist I. I. Henncr zum
Mitgliede des Oberunterrichtsrates der bleole cles Leaax
ernannt worden.

— Se. Majestät der Kaiser hat dem Hamburger Bildhauer
Bruno Kruse, zur Zeit in Berlin thätig, eine längere Porträt-
sitzung für eine nach Hamburg bestimmte Büste gewährt. Der
in Thon neugearbeiteten Büste wandte Se. Majestät das größte
Interesse zu und gab nach vollendeter Sitzung seiner Zufrieden-
heit wiederholt in anerkennenden Worten Ausdruck.

— München. Der Prinz-Regent verlieh den Malern
Cazin, Roll und Courtois den Michaeksorden dritter, den
Malern Carriere und Binet den Michaelsorden vierter Klasse.
Den Malern Waagen in Berchtesgaden, Josef Weiser und
L. Hartmann wurde der ProfessoNitel verliehen.

— Berlin. Dem Maler Gustav Schauer ist der Pro-
sessortitcl verliehen worden.

"tV. O. Berlin. Zwei Nestoren der hiesigen Künstler, der
Landschaftsmaler Professor Karl Eduard Biermann, geboren
am 2G Juli 1803 zu Berlin, und der Historienmaler Professor
August Ferdinand Hopfgarten, am 17. März 1807 ebenda
geboren, konnten am 13. März d. I. auf das seltene Erlebnis
einer 50 jährigen Mitgliedschaft unserer Akademie zurücksehen.
Biermann hatte schon vor Jahren seines hohen Alters wegen
den Verzicht aus die Rechte und Pflichten der Mitglieder ausge-
sprochen, und aus diesem Anlaß hat die Akademie nur dem Mit-
gliede Hopfgarten, der noch bis in die jüngste Zeit an den Be-
ratungen der Akademie Teil nahm, eine Adresse durch eine
Deputation überreichen lassen.

i,V. O. Berlin. Der in den weitesten Kreisen und auch
unfern Lesern bekannte frühere Geschäftsführer des Vereins Ber-
liner Künstler, Oskar Winkler, ist am 8. März d. I. nach
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