Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 5.1852

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Roderich rmd Jolnmhe.



Einsam lag das ForslhauS.
Hohe Birken beschatteten das röihliche Dach, und zitternde Strahlen warf
der Mond auf die nicht heizbare Winterlandschaft.
Da hallten Schritte durch den Wald.
Die Hunde schlugen an und weit schallte cS durch die grünen Baumwändc.
Jetzt tönte die Pforte.
„Wer ist da?" fragte eine bange Stimme durch die harrenden Fensterladen.
— »»Ich bin cS, Jolanthe!""
Die Thür ward aufgethan, und Roderich sank in die geliebten Arme des
vollen Mädchens.
So ging es drei Jahre.

II

JolanthSnS Eltern bekannten sich zum evangelischen Ritus.
Roderich dagegen war Mitglied der römischen Kirche.
So verginge» abermals drei Jahre.
m

Der Morgen kam.
Die Sonne schien schöner, die Vögel sangen herrlicher,
die Blumen nickten freundlicher, die ganze Natur fühlte sich
leichter als gestern.
Da trat, Jolanthen am Arm, ewige Verbindung
erflehend, Roderich vor den Priester seines Glaubens.
Allein cs ging nicht — und so vergingen aber-
mals drei Jahre.

V.
Wieder einsam lag das ForsthauS.
Wieder zitterten die Strahlen LcS Mondes auf die nicht heizbare Winter-
landschaft.
Wieder war der fünfzehnte Mär; gekommen, und wieder hatten sich die
Liebenden durch ein ebenso billiges als geschmackvolles Geschenk zum Geburis,
tag überrascht:
Sie waren beide zur freien Gemeinde übergclreten.
Nun, sagte der Vater, ist kein Hindcrniß mehr!
Nun steht — sagte die Mutter — nichts mehr im Wege.
So fuhren sic nach dem Stadtgericht, um die zwischen Dissidenten gestattete
Civilche einzugchen.
Bald standen sie vor dem Assessor.
O Roderich, — rief Jolanthc, die Brust des Jüngling« ergreifend —
endlich — endlich.
O Jolanthe — rief Roderich, bald
bist Du vor Gott und Menschen die Meine!
Vor Gott — sagte der Assessor —
aber nicht vor Menschen. Die Kam-
mern sind gestern über die Civilehe
und Dissidcntenfrage zum fünfund-
zwanzigstcnmal zur Tagesordnung
übcrgegangen.
Da erbleichte Jolanthe, und Roderich
wurde Weißfärbcr seines Antlitzes.


VI.
Wieder einsam lag da« ForsthauS.
Einsamer noch lag nicht weit von ihm der Grabhügel zweier Liebenden.
Aus der Lithographie des Todes aber standen die Worte:
d Roderich

und
Lolant-c.


Wieder einsam lag das Forsthaus.
Die Liebe der Liebenden aber war nicht erschüttert, denn die Vorsehung
hatte sie ja für einander bestimmt. —
War nicht Roderich am fünfzehnten Mär; einst geboren?
Hatte nicht Jolanthe auch einst am fünfzehnten März de» GlobuS
beschritten?


Und gekommen war der fünfzehnte März, ihr gemeinsamer Geburtstag.
Wieder hallten die Schritte — wieder tönte die Pforte!
Jolanthe — rief Roderich, in die Arme
der noch immer als Jungfrau bochcrröthenden
Braut sinkend — Jolanthe, ich bringe Dir
da» schönste Geschenk zum heutigen Feste, Dein
Glaube ist auch der Mcinige geworden, seit gestern
bin ich evangelisch!
Roderich! ries Jolanthe — Roderich, was
hast Du gethan! — seit vorgestern bin ich
katholisch.
Auch sic hatte ihn zum Geburtstag überraschen wollen.
So vergingen abermals drei Jahre.


„Fünfmal drei Jahre ihrer Liebe vergingen — aber eS ging nicht: —
so gingen sic denn selber."
„Auögcwicscn von dieser Erde als Dissidenten mit Kohlcndampf."

Aber wenn die Nacht kommt und der Mond seine zitternden Strahle»
auf bleiche Fluren wirst und die Sterne am Himmel sich vor Lachen wälzen
über den Unsinn der Erde, dann, nicht fern von dem Grabhügel der Lieben,
den, flötet die Nachtigal und im grüne» WaldcSdunkcl zirpt das Heimchen:
„Ls muss Rllcns vcrrungcnirt wcrvcn!"
Kladderadatsch.
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