Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 5.1852

Page: 125
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1852/0125
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SS.


Sonntag, den 1. Anglist 1852.


V- Jahrgang.


Wochenkalender.

Llonla-, de, 2. August.
Zn Frankreich bclrachlct man Baken
nicht mehr als .Ausland."
Vicnstag, den 3. Anzug.
In Frankreich erklärt man kaS Groß.
b>rzvgthum Baden für eine sranzöslsckc
Präfectur.
LNtlwoch, den 4. August.
Nachdem sie sich auch mit den Nassauern
befreundet, erklärt sie dcnJokanniSberger
für einen franjSsischcn Tischivcin.


Wochenkalender.

ivonncrstag, den 5. August,
houi» Napoleon singt: .Am Rhein,
am Rhein, da wachsen unsre Reben!"
Freitag, den 6. August.
Za wohl; aber die Trauben sind
sauer.
Sonnabend, den 7. August.
..ES flog ein Gänserich über'» Rhein,
Und kam als Gikgak wieder heim!'
AlteS deutsches Volkslied.

Hllmoristisch-slityrischks Wochenblatt.

Diese« Blair erscheint täglich, mit Ausnahme der Wochentage. — Man abonnirl mit 2l Sgr. vierteljährlich für 15 Nummern bei allen Buck
bandl-ir.gen so wie bei den König!. Postanstaltcn des In- und Auslandes. Jede ein,eine Nummer kostet l'^Sgr. wie kiedaelioa.


Vioioria.! Victoria.!


DaS ist seit kurzer Frist die tägliche Losung und das Fcldgeschrei. da» Schibolcth, der Morgcngruß und Abcndsegen —
Victorist ist jetzt die Parole der Berliner.
Mögen die Dänen unter Bardenfleth die Schlacht bei Jdstedt bejubeln, bctanzen, besingen und bespringcn — mag
LouiS Napoleon nicht mehr wissen, ob Baden für ihn noch „Ausland" ist — mag die deutsche Flotte Stück für Stück meist-
bietend verschachert werden — mögen die Herren von der Darmstädter Koalition sich vereinen, bis sie wie der Rattenkönig
mit einander verwachsen sind — was kümmcrl'S uns bei der Hitze?! —
^ VlerorlL! vL)
Das ist der einzige Gedanke der unS erfüllt — der einzige Stolz den wir besitzen — der einzige Besitz auf den wir stolz
sind. — WaS war die Victoria von Bronnzell, waS die von Olmütz gegen unsre Victoria? WaS hat Amerika noch, um das
wir eS beneiden möchten? Etwa daS Bißchen Freiheit, Seemacht und Gold? — Lumperei! Wir haben die Victoria! Wir
haben sie zweimal! WaS ist Amerika? Ein Dorf gegen Schöncberg, ein elendes Nest gegen Moabit!
Verwaist und einsam steht die Metropole; denn unaufhaltsam und endlos zieht gen Westen der Strom der Wallfahrer, ge-
trieben von unwiverstchlichem Drange sie zu sehen, die Wunderblume dcS Südens und Westens, die Victoria regia, die königliche
Victoria, mit ihren Blüthcn, süß wie Oeslerrcichische Versprechungen, und klein wie deren Erfüllung, und mit ihren Blättern,
so groß, daß Herr von Florencourt dreist eins derselben vor den Mund nehmen könnte.
Und sie ziehen hinaus mit Sack und Pack und tragen willig Hunger, Durst, Sonnenbrand und Staub und Kinder; und sie
kommen an unv treten ein in den gläsernen Tempel des Wunders und-Donnerwetter! schreit der Mann. die weichgeschaffenc
Seele deS zarten WeibeS aber fällt in Ohnmacht, denn bei 3ä° Grad Röaumur im Innern des Hauses kann man von keinem Ber-
liner noch eine gesetzmäßige Begeisterung für die Wunder der Schöpfung verlangen. Und sic kehren um und gehen nach Hause,
klüger als sie gekommen. DaS Weib aber, das immer schärfer blickt und feiner fühlt, spricht zum Manne: Warum immer weiter
schweifen? Siel,' daS Gute liegt so nah'! Auch in unsrer Heimalh blühet eine Wunderblume — laß sic unS pflücken! Ihre
Blüthe ist so zart und so bescheiden, ihr Blatt aber mindestens ebenso groß und so haarig und so schön gezeichnet und so
stark wie daS der Amerikanerin, denn cS trägt nicht nur einen Ecntncr, sondern cs trägt sogar eine Steuer — sein Name aber ist
Kladderadatsch.
loading ...