Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 5.1852

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48.

Sonntag, den 7. November 1852.

V- Jahrgang.


Wochenkalendcr.

Montag, den 8. November.
Polterabend der vierjährigen Jubelfeier
des Ministeriums Mantcuffel.
Dienstag, den 9. November.
Der Jubelgreis wird bcgcffcn und bc —
sungcn. Resultat: 386 Körbe (5hampagncr,
6573 Schock Austern.
Mittwoch, den 10. November.
Berlin eonsumirt 5721 saure Häringe.
Wablcn der städtischen Behörden für die
erste Kammer.

Wochenkalender.

Donnerstag, den 11. November.
Das Resultat der Wahlen kann im All-
gemeinen als befriedigend bezeichnet werben.
Freitag, den 12. November.
Die Räume der Kammern werden ge-
lüftet und gereinigt.
Sonnabend, den 13. November.
Die Lust in den Kammern ist so weit
rein, daß ihrer Eröffnung nichts im Wege
steht als die vorläufig noch nicht ertheilte
Genehmigung des
Kladderadatsch.

Hllmoristisch-slityrischrs Wochküliliitt.

Dich» Bl-:, erschein: täglich, Bl-che-etag». - - M«r«b,r ^ 2! Sxr vicrleljLbrlich sür 15 N--mmern bei allen Buch-
handlungen so wie bei den Königl. Postanstaltcn des In- und Auslandes. Jede einzelne Nummer kostet 1'^Sgr. Die kledaelion.



erlm, Berlin, Hn jammerst mir!


„Das Deutsche Volk war lange krank — nun liegt es als Leichnam da, und unsere Pflicht
ist die gläubige Lcichenwache: diese treue Leichcnwachc ist de r Grundton Preußischer Nationalität"
— sagt Herr Heinrich Leo, und Herr Leo - mag ein Pastor Schultz in Bethanien mehr fragen, als zehn
Lco's in Halle beantworten können — Herr Leo ist ein chrenwcrther — Professor der Geschichte.
Armes Deutsches Volk!
Großer Leichnam! Seliger Michel! Laß dich begraben mit allem was an dir ist und zu dir gehört! Deine
Vettern mögen als Leidtragende dir zu Grabe folgen, und deine Erben von den Zinsen deiner hinterlassencn Schul-
den leben!
Du aber, armes Berlin,
du Hauptstadt der gläubigen Lcichcnwä chter, was hast du gethan? Hast du treu deine Pflicht erfüllt, da
„alle Anderen schliefen" und „alle Anderen verzagten?" Nein! Nein! Und aber Nein!
Du hast gewählt!
Aber wen? Kühne, Patow, Bock, Noht und nochmals Kühne! Vergebens hat die kleine aber
mächtige Partei Tag für Tag dir dcmonstrirt, was „ein rechter Partcimann ist, und umsonst hat der Pre-
diger in der Wüste der Dosstschen Zeitung als ein Gesandter der Wahrheit sein Wort ertönen lassen. Du warst
blind, du warst taub, du hast gewählt zu eigenem Verderben, und deßhalb,
Berlin, jammerst du mir!
Die Leickenwachc war ciiigcschlafcn — sic hat ihre Pflicht verletzt — Ablösung vor! — Ihr aber, denen
die Leiche hat gestohlen werden können — ziehet an den abgeschabten schwarzen Frack der Dcmuth, bindet um
den Hut den Flor der Traurigkeit und mit der Citronc der Wchmuth in den Händen folgt dem Sarge des tobten
Deutschlands zur letzten Ruhe, und die neucrstandcnc Currcnde singe ihm ein Lied im „Grunbtou Preußi-
scher Nationalität!"
Das Deutsche Volk ist to-t! Es lebe Herr Leo!
Cs lebe die Curreude!

Kladderadatsch.
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