Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 5.1852

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Berliner Mo-enbericht. TZp
Die Herbstsaison Hai begonnen und die entschiedenen lichten Farben haben namentlich in Westen den dunklen unbe-
stimmten Platz machen müssen.
Die Form der Hüte ist fast die alte geblieben. Man trägt die „Casio rS" von Freystadt mit breitem Bande und berrlichem
Lustre, so wie die ganz ähnlichen (Pollux) von Vassel ohne Schnalle. Unter den Linden sahen wir einen ohne Krampe, der
noch nicht bezahlt war; eine Mode, die für,diesen Winter stark in Ausnahme kommen dürfte.
In Betreff der Beinkleider werden die ohne Stege ü I» Maria von Weber en vogue bleiben. Die Bezeichnung rührt
von der bekannten Composition her: Ist denn gar kein Steg? und hat sich die lose Hose bei dem jüngste» Wettlauf de»
Fürsten Neuß von Schöneberg nach Potsdam al» höchst praktisch bewährt, indem Se. Hoheit eben durch zu stramme Beinkleider
nicht weiter konnten. So läßt sich erwarten, daß die .zum Laufen" so bequemen PantalonS in den höher» Kreisen immer mehr
Anerkennung finden werden.
In einem Schaufenster der Friedrichsstraße bemerkten wir einen herrlichen Studenten-Anzug, dessen
Farbenzusammenstellung jugendliche Gestalten ganz vortrefflich kleiden muß. Stahl-blaue Pikesche, Keller-
farbiges Beinkleid und Russisch-grüneS Gilet. Nur die grauen Schnüre am Kragen wollten uns nicht recht gefallen.
Die ReitfrackS werden noch immer mit einer Reihe Knöpfe und Sammetkragen beliebt. Doch sieht man auch viele mit einer
kleinen Tasche auf der Brust, in welcher sich gewöhnlich noch die unquittirte Rechnung befindet.
Die Farbe der Handschuhe ist vorzugsweise buttergclb. Wir sahen einen jungen Mann, welcher gar
keine trug, wa« zu dem dunkele» Anzug vortrefflich paßte, der in einem Schlafrock bestand, au» dessen Seiten-
tasche eine Schrippe guckte.
WaS die Schrippen selbst betrifft, so trägt man sie diesen Herbst verschieden; zum Thcil belegt zum
l Tbeil unbelcgt. Erstere gewöhnlich mit Schlackwurst.
Ein Kleidungsstück das vollständig aus der Mode gekommen, ist der Mantel. Der Ueberzieher
oder Sackpaletot hat ihn gänzlich verdrängt.
Wie wir hören wird bei der nächsten Ausführung von Holtci'S .Leonore" im Hoftheatcr auch
hierauf Rücksicht genommen und die bezüglichen Strophen in dem bekannten Mantelliede folgendermaßen geändert werden:
»Weiter will ich ja von dir nichts haben,
Lieber Ueberzieher lasst dich mit mir begraben!
und ferner:
Der Appell der macht Alles lebendig,
Da ist cS denn auch ganz nothwcndig,
Daß ich meinen Sackpalctot Hab'!
in welche patriotische Verse herzlich mit cinziestimmcn wir die dringendste Veranlassung haben. Siehe Jägersiraße 64.
Kladderadatsch.



Feuilleton.

Das Kurhessische Ministerium hat den Proccß, welchen der entlassene
Oberstlieutenant Abdecker gegen den FiscuS gewonnen, In ebenso einfacher
als imposanter Weise dadurch erledigt, daß es die Acien einzog und ganz
cavalierement „kurzer Hand" zurück behielt.
Wie cS scheint, hat jetzt in Kurhessen die Rechtspflege der „kurzen
Hand" die Vorhand vor der Justiz der langen Finger.
Der Landrath von Niedcrbaiern hat die Wiedereinführung der Prügel-
strafe beantragt.
Wir wünschen, daß zur Erinnerung an diesen Antrag jedes Glied dieses
LandratheS einzeln für die Walhalla auögchauen werde.

Rothschild bat vom Ocstcrrcichischen Kaiser den Orden der eisernen
Krone erhallen.
Wahrscheinlich wird er ihn da tragen, wo er die andern Kronen zu
tragen pflegt — nämlich in der Tasche.

Die Zeitungen theilcn mit, daß Frau Charlotte Birch-Pfeiffer gegen-
wärtig an einem dreibändigen Roman arbeite.
Einem unverbürgten Gerücht zufolge soll Herr Bcrthold Auerbach
aus Rache sich verschworen haben, jede einzelne Lieferung desselben noch vor
ihrem Erscheinen dramatisch zu bearbeiten.
Nach der Kasseler Zeitung wird das Bundekpreßgesetz einen Paragraphen
erhalten, nach welchem die Herausgeber Deutscher Zeitungen Christen sein
müssen. Dieser Bestimmung ist um so mehr die strengste Durchführung zu
wünschen, als die Juden in der Journalistik nur Aller für sich cinzu-
nehmen wissen, und auch Herr von Rothschild endlich aufbören müßte,
das beste Organ der Gegenwart — herauSzugebcn.

Ocn Lommcilden.
Weh allen Verderbern! Heil allen Gerechten!
ES klopfet der Tag schon an die Thür,
Da man euch scheidet nach Recht und Gebühr:
Die Böcke zur Linken — die Schafe zur Rechten.

Abd-el-Kader muß im Gefängniß schrecklich heruntergekommen sein.
Der einst große Held ist jetzt nichts mehr, als was in Paris jeder herge-
laufene Schauspieler werden kann — der Held des Tages.

Auch dieCurrende, welche seit einigen Jahren in Berlin abgeschasst war,
wird gegenwärtig wieder hergestellt, und zwar unter dem Namen eine»
.Umgangschors" zur „Abhaltung christlichen HauSgesangk."
Wenn die neue Currcnde der alten gleicht, so führt sie ihren neuen Namen
mit Recht; denn e» könnte der Umgang mit diesem Chor in der Thal nur
dazu führen, jeden musikalisch rrganifirten Menschen von der Pflege de» christ-
lichen HauSgesangc» abzuh alten.

In Leipzig ist jetzt die Hörfreiheit aufgehoben worden, die Redefrei-
heit ist cS schon längst — cS bleibt also den Sachsen nichts übrig, als die Sprache
der T aubstummc».
Dieselbe wird ihnen zumal bei den Zollverhandlungcn von Nutzen sein;
denn wenn sie Oestreich richtig verstehen wollen, so müssen sie ihm aus di -
Finger sehen.
Unter den Geldern für die abgesetztcn Kieler Professoren befinden sick
auch 15 Gulden Papier auö Oesterreich, was um so erfreulicher ist, als die
Professoren auf diesen Lumpen-Beitrag gar nicht gerechnet habe».
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