Kladderadatsch: Humoristisch-satirisches Wochenblatt — 27.1874

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Ällmälig hat die Sturmflut, welche das beschauliche Windstillleben
unseres Badeortes so unerwartet unterbrach, sich verlaufe». Alles ist
wieder still und friedlich geworden — von den Attentaten abgesehen,
die noch täglich durch donnernde Hochrufe, Morgen- und Abcnd-
ständchen u. dgl. gegen die Gchörwerkzcuge des Reichskanzlers nngc-
straft verübt werden.

Der Fürst selbst hat seine Cur ganz in der alten Weise wieder aus-
genommen und zeigt gegen Jedermann die alte Liebenswürdigkeit.

Mag man mit oder ohne Grund von einer gewissen Abneigung ge-
schrieben haben, welche der hohe Herr der Tagcöprcsse widmen soll —
genug, als ein wahrhaft großer Mann weiß er auch seine Gegner sich
zu verpflichten.

Schon einmal griff er zur Sense und gab allen Blättern die lang-
ersehnte Gelegenheit, neben dem stehenden Gericht, „Ente mit Gurke,"
eine schmackhafte Beigabe aufzutische». In den letzten Tagen hat er
wiederum zu verschiedenen Malen sich volköthümlich gezeigt »nd damit
in dieser creignißarmen Zeit einen berechtigten Anspruch ans die Dank-
barkeit aller Berichterstatter erworben.

So verließ er jüngst, nachdem er mehrere wohlgezielte Bonquctö
ohne Schaden erlitten hatte, vor der Stadt seinen Wagen, um anspruchs-
los und unscheinbar im Schatten seines Calabrcsers zu Fuß zu pro-
meniren.

Natürlich begleiteten ihn in einiger Entfernung die eigenS dazu
von Berlin bezogenen fünfzehn Schutzleute, ohne aber irgendwie
aufzufällen; denn um der Sache alles Ungemüthliche zu nehme», er-
scheinen sic stets in Civil, die Jüngeren als bairifcheLandmädchen,
die Aeltercn als Cnrgäste des behäbigen Mittelstandes verkleidet. Nach-
dem dcrFürstmehrcrc Torstindcr angeredet und unter Verabfolgung einiger
blanker Goldstücke nach ihren Schularbeiten befragt hatte, holte er ein
greises Bäuerlein ein, das sich eben neben seiner heubeladrnen Schicb-
karre eine kurze Rast gönnte.

Er knüpfte mit demselben ein Gespräch über Hcubcrcitnng, Vieh-
zucht »nd Mistverwendung an; und während der ehrliche Dorfgrciö sich
aufs höchste über die gründliche Sach- und Fachkenntniß dcS vornehm
auSsehenden Herrn verwunderte, hatte Dieser schon die Handhaben der
Karre gefaßt und kilomcterte dieselbe mit sichtlichem Vergnügen eine
tüchtige Strecke Wegs weiter.

Als nach seinem Weggang der Bauer von einigen Umstehenden
erfuhr, wer ihm und seinem bescheidenen Gefährt diese Ehre erwiesen
hatte, äußerte er, daß er nun schon fünfzig Jahr mit diesem Fuhrwerk
umgehe, aber noch Niemanden gefunden habe, der dasselbe mit solcher
Sicherheit und Gewandtheit behandelt hätte wie der hohe Curgast.

Natürlich wurden ihm sofort von Engländern, die zahlreich aus
den nächsten Gebüschen auftauchten, unglaubliche Summen für seine
Karre geboten; aber, wie zu erwarten war, erklärte der einfache Mann
daß ihm dieselbe jetzt für keinen Preis feil sei.

So müssen die SöhneAlbionö sich glücklich schätzen, daß sic wenig.
stcnS gegen eine beträchtliche Miethe sich gegenseitig in den Curanlagen
auf dem denkwürdigen Instrument spazieren fahren dürfen.

Eine Anzahl von Badegästen vereinte sich sofort zur Stiftung eines
Marmorreliefs für die Curhalle, darstellend „Bismarck mit der

In der Fortsetzung seiner Promenade begegnete der Fürst alsbald
einem Mütterchen, das mit einem Haselstecken etwelche Gänse des
WegS trieb.

Er erkundigte sich in theilnehmendster Weise nach ihren Großvätern
und Enkeln, und während die gute Alte mit ächt weiblicher Redseligkeit
ihm die ausführlichsten Aufschlüsse über ihre ganze Sippschaft crlhcilte,
hatte er sich ganz unvermerkt des Steckens bemächtigt und trieb die
nützlichen Hausvögel mit der ruhigen Gewandtheit, die nur langjährige
Uebung verleiht, den Grabenrand entlang. Dann thcilte er der Greisin
mit, daß auch er Großväter gehabt habe, und entließ sie mit einem
ansehnlichen Geschenk.

Kaum war seine hohe Gestalt hinter den nächsten Kornfeldern vcr-
schwunden, alS rings aus den Gräben die unvermeidlichen Engländer
auftauchten, die ahnungslose» Gänse überfiele» und ihnen als Erinne-
rnngSzcichen an diesen historischen Moment sämmtliche Schwungfedern
ausrisse».

Wie begreiflich, lehnte die einfache Frau die fabelhaften Sun,men,
die ihr für den Haselstecken geboten wurde», ruhig ab.

„Sechzig Jahr" — sagte sie — „hüte ich nun die Gänse; aber so
gut wie der Herr Fürst versteht cS Keiner! Den Stock bekommt mein
ältester Urenkel, und so soll er auf ewige Zeilen in der Familie fort-

Noch an demselben Abend wurde von hervorragenden Curgästen
eine bedeutende Snmme für ein großes Oclbild, „Bismarck, Gänse
hütend", gezeichnet, welches schon im nächsten Jahr ein Hauptschinuck
dcS großen Lescsaalö sein wird.

Mit de» namhaftesten Künstlern der Gegenwart wurden sosock
Verhandlungen über die Ausführung des Bildes aiigcknüpft; da auf
demselben allseitig eine möglichst große Anzahl von Gänse» gewünscht
wird, so fällt die Wahl wahrscheinlich auf Piloty, welcher an de»
zahlreichen Togen seines Cäsarbild cs seine bedeutende Begabung
für Weiß unbestreitbar dargethan hat.


Äls in Ischl jüngst die Kaiser
Bon einander Abschied nahmen,
Dienten sämmtliche Lakaien
Diesem Scheidebild als Nahmen.

Plötzlich von der Treppe glitt ein
Kaiserlich und Königlicher
Hoflakai geknickten KniecS —

Wie im Todcskampf verblich er.

An der letzten Stufe sieht man
Leblos ihn zusammcnbrcchc»;
lieber ihn aus der Caraffe
Strömt der Wein in rothcn Bächen.

Eilends naht der Arzt, bezweifelnd,
Daß hier seine Kunst »och nütze —
Tückisch sind die Sonnenstiche
Bei der ganz abnormen Hitze.

r Hodte von Ischl

Line wahre Geschichte.

Alles starrt die galonnirte
Leiche an und schweigt betrete»;

Sichtlich Iheilnahmvoll ergriffen
Sind die beiden Majestäten.

In ein Nebenzimmer läßt der
Arzt den Regungslose» tragen;

Doch sogleich erscheint er wieder —

Seht, er lächelt mit Behagen!

Leise fragt dcS Hofes Marschall:

„Ist auf Rettung noch zu hoffen"? —
„„Sagen möcht'ich"" — spricht der Doctor—
„„Dieser Jüngling ist — bc—trunken!

Aber da die Etiquctle

Dies verbeut, so will ich sagen:

Mehr Getränk hat er genossen,

Als er fähig zu ertragen.

Und im Uebcrmaße wirket
Bacchus' Gabe, rein »nd edel,

Oft verwirrend selbst ans eines
Hoflakaicn dicken Schädel.

Die Balance hat der Wein ihm,

Doch das Lebe» nicht genommen;
Morgen ist er frisch »nd munter —
Mag's ihm sonst nur gut bekommen!""^

Alle Männerherzen pochte»

Schnell erleichtert an die Rippe»,
Mancher wollt' ein Lächeln sehen
Selbst auf Allerhöchsten Lippen.

Schnarchend schlief der Todtgeglauble
Friedlich in der stillen Kammer.

Weh! Ei» Rausch vor solchen Zeugen
Schafft wohl schlimmen Katzenjammer.

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