Koepplin, Dieter ; Falk, Tilman; Cranach, Lucas [Ill.]
Lukas Cranach: Gemälde, Zeichnungen, Druckgraphik ; Ausstellung im Kunstmuseum Basel 15. Juni bis 8. September 1974 (Band 2) — Basel , Stuttgart, 1976

Seite: 562
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IX. KATALOG

stilistisch und im Format gleiche Tafel mit «Joab erstickt Abner», FR.288h, 55 x 95 cm, jetzt in
der Kunstsammlung der Bob Jones University in Greenville, South Carolina, wirklich die
Predella zu FR.294d gebildet hat, wie Steinmann - zit. bei Nr.288 -, S. 88-90, Taf. 7, vermutet).
Die Winterthurer Tafel ist ein Werkstatt-Bild. Aber auch unsere Tafel sowie die signierte Tafel
gleichen Themas FR. 171 dürften unter der Mitarbeit eines guten Cranach-Schülers (des jungen
Hans Cranach?) entstanden sein. Die teilweise spannungslose Fleissarbeit des Blattwerkes und
der säuberlich punktierten Bäume im Hintergrund rechts sowie die etwas infantilen Köpfe und
die Flächigkeit der Figuren sprechen dafür. Originell ist die Komposition mit der entrückten
Opferszene und den in den Vordergrund gesetzten beiden Eseltreibern (gemäss 1. Moses 22).

457 Lukas Cranach d.Ä.
David und Abigail

Bez. LC und Schlange, dat. 1509. Holzschnitt. 25,2 X 17,1 cm.

Basel, Kupferstichkabinett des Kunstmuseums (aus dem Amerbach-Kabinett).

Ho.H.3. - Schu.II, S. 276. Nr. 121. - Flechsig, Cranachstudien, S. 40, 60. - Dodgson II, S. 295.
Nr. 59. - G.631. - Weimar 1953, Nr. 117. - Jahn. S. 34. - U. Steinmann, Lucas Cranachs
Eheschliessung und das Geburtsjahr des Sohnes Hans, in: Staatliche Museen zu Berlin,
Forschungen und Berichte. XI, Kunsthistor. Beiträge, Berlin 1968, S. 124-134, bes. 129ff. -
Schade 1974, S. 34. 36, Abb. S. 34. - Berlin 1973, Nr. 94.

Das Thema - 1508 komplexer dargestellt in einem Kupferstich des Lucas van Leyden (Ho.X,
S. 75; B.24) - könnte kaum identifiziert werden, wäre es nicht durch ein zwölfzeiliges, C.M.O.
signiertes Gedicht auf alten, allerdings nicht den ältesten Abdrucken angegeben (zitiert bei
Schu.II, S. 277; fussend auf l.Sam. 25). In der Typologie des verbreiteten «Speculum humanae
salvationis» präfiguriert die Szene die Fürbitte Mariae vor dem zornigen Christus (als Vision der
Hl. Dominikus und Franziskus, zuweilen zur «Schutzmantelmadonna» ausgebildet: E. Breiten-
bach, Speculum humanae salvationis, Strassburg 1930, S. 255-257; Holzschnitt Basel 1476:
Schramm, Bilderschmuck, XXI, 1938, Abb. 202). In diesem Bezug muss man wahrscheinlich
Cranachs Holzschnitt verstehen, also als präfigurierte Fürbitte Mariae vor dem zornigen, jetzt
mild werdenden Jesus. Der Zorn Gottes und Mariae Fürbitte sind auch im «Herz»-Holzschnitt
von 1505 angedeutet (Nr. 7. Abb. 9, weiterer Kommentar bei Nr. 307). Wegen der typologischen
Tradition und wegen des im Vordergrund stehenden Motivs des zu besänftigenden Zornes
Davids scheint mir Steinmanns Interpretation ausgeschlossen (David = Cranach, Abigail = Cra-
nachs Frau oder Verlobte; ich vermag übrigens auch nicht Cranachs Gesichtszüge im David zu
erkennen; Steinmanns übrige Argumente sind zwar z.T. verlockend, aber doch alle nicht
zwingend und berühren nicht das Zentrum der Darstellung: Davids Zorn und Erweichung, was
dem «Bräutigam Cranach» merkwürdig anstünde und im Sinne der Zeit wohl auch als blasphe-
misch empfunden würde).

9. « Weibermacht», alttestamentliche und profane Darstellungen (Nr. 458-485)

Die ausserkirchliche Kunst Cranachs, die vom kursächsischen Hof, vom Adel und
vom einfiussreichen Bürgertum (vgl. Bemerkungen zu Nr. 39) bestellt oder sonst
erworben wurde, ist nie blosse Kunst, sondern hat, wenigstens angeblich, belehrenden
Sinn. Die Bilder geben Beispiele zur Nachahmung oder zur Warnung (warnende
Beischrift zu einem H. Brosamer zugeschriebenen Holzschnitt mit «David und
Bathseba»; Dodgson II, S. 394, Nr. 27). Sie zeigen Heroisches und Gefährliches,
Verwerfliches, Tragisches und Eitles. Die Sinnhaftigkeit und die Moral der Geschich-
ten (Hans Sachs nannte es den «Beschluss») zeigen sich dann am deutlichsten, wenn -
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