Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 64.1913-1914

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Messing

Das Gelbkupfer, wie es der Franzose und der Eng-
länder nennt, ist eine von bequemen Dienstboten
und schlecht unterrichteten Raufern öfters übel
beleumundete Metallegierung. — Mit Unrecht.
— 3ft es doch der ebenbürtige Bruder der fran-
zösischen Bronze, die ja selbstverständlich beim
Deutschen als Inbegriff des vornehmen gilt.
Theoretisch ist der Unterschied zwischen Messing
und Bronze zwar der, daß Bronze eine Legierung
aus Rupfer und Zinn ist, während Messing aus
Rupfer und Zink besteht und dieses einen gold-
gelben, jenes einen gelbrötlichen Ton hat. Die
Praxis hat seit Jahrhunderten, mehr aber noch in
unserer Zeit zahlreiche Zwischenstufen geschaffen,
so daß heute die Grenzen selbst für den Fachmann
oft schwer erkenntlich sind.

Die Antike kennt, soweit sie die vorgeschichtliche
Zeit und die Zeit der Griechen und Römer umfaßt,
nur die Bronze. Jedoch hat der Orient schon sehr
frühe das Messing gekannt, ohne merkwürdiger-
weise seinen Bestandteil Zink in reiner Form zu
kennen. Auch im 1,5. und 16. Jahrhundert wurden
bei uns nur zinkhaltige Mineralien dem Rupfer
bei Verstellung des Messings beigeschmolzen. Erst
anfangs des 18. Jahrhunderts konnte die Messing-
Herstellung fabrikmäßig erfolgen, nachdem es ge-
lungen war, das Zink als reines Metall zu scheiden.
Die Rupserzinnlegierung, also die eigentliche Bronze,
findet hauptsächlich Verwendung zu figürlichen
Runstwerken. Dünnslüssigkeit beim Guß, dauernde
Wetterbeständigkeit und die Fähigkeit, an der Lust
eine schöne Patina anzusetzen, machen das Material
für diese Zwecke besonders wertvoll.

Man hat jedoch seit Jahrhunderten bei der Bronze
auch zinkhaltige Mineralien zugesetzt; so soll die
Bavaria auf dem Tempel im posgarten ca. i9°/0
Zink, 77% Rupfer, i°/0 Zinn und ca. 2% Blei
enthalten. Gerade diese Figur ist nun aber bekannt
durch ihre ausnehmend schöne Patina; sie ist un-
gefähr um *625 entstanden.

Diese Bronzelegierung nun kommt den im Runst-
gewerbe gebräuchlichen Messinglegierungen ziem-
lich nahe. Die Bronze der französischen Rron-
leuchter und Geräte des 18. Jahrhunderts hat
ungefähr 24 Teile Zink, ca. 64 Teile Rupfer und
weniges Blei und Zinn; ganz gleiche und ähnliche
Legierungen sind bei unserem Messingguß für
Runstgewerbe, der eine vielseitige Bearbeitung
mit Feilen und Punzen ermöglichen muß, gebräuch-

lich. Auch bei den im Runstgewerbe verwendeten
Blechen kann nur beste Oualität Messing, als welche
z. B. die vorstehende Legierung gilt, Verwendung
finden. Der Hammerschmied beim Schlagen des
Metalles zu Gefäßformen, ebenso der Drucker
beim Aufziehen von Formen auf der Drehbank
über polzformen, wie auch der Ziseleur nehmen
das Material so stark in Anspruch, daß mindere
Oualität den Arbeitsprozeß meist gar nicht aus-
halten würde, wir sehen daraus, daß eine be-
absichtigte Täuschung des Räufers nicht vorliegen
kann, wenn die Begriffe Bronze und Messing
nicht immer klar geschieden werden. Ja, wir können
sagen: Das Messing ist die Bronze des
Innenraumes; als Türklinke, Treppen-
geländer, Peizkörpermantel und Beleuchtungskörper
begegnen wir ihm. weit umfangreichere Ver-
wendung hatte es noch bei unseren Vorfahren als
Material für alle möglichen Geräte, wie Wasser-
eimer, Teekessel, Bettwärmer u. a. m. Besonders
in polland und an der Wasserkante fehlte es bis
in unser Jahrhundert herein in Form dieser nnd
ähnlicher Geräte in keinem pausstand.

Seine vettern, das Reusilber und ähnliche Le-
gierungen aus Nickel, Zinn-, Aluminium, Zink
nnd Rupfer haben ihm und dem Zinn bei den
Gebrauchsgeräten der Tafel seine Rolle abge-
nommen. Auch der gesunkene wert des Silbers
und die Fortschritte auf dem Gebiete der Gal-
vanisiertechnik haben viel zur Zurückdrängung ans
diesen Gebieten beigetragen.

Es sind fast ausschließlich technische Vorzüge gegen-
über der reinen Bronze, die eine umfangreichere
Verwendung der gelben Rnpfer-Zink-Legierungen
bedingen, weit weniger die kaum in Betracht
kommenden Preisunterschiede im Material. Da
ist vor allem das zu einer soliden Verbindung
notwendige partlot, das eine gelbe Farbe hat;
außerdem werden alle notwendigen pilfsmate-
rialien, wie Rohre, Profile, Schrauben usw., man
möchte fast sagen traditionell, meist nur in Messing
hergestellt.

Die Bearbeitung des Messings erfolgt als: Gießen,
Feilen, Drücken, Drehen, Treiben, Ziselieren und
Pressen. Durch Schleifen, Polieren, Färben, Pati-
nieren und vernieren erhält das Stück die Vol-
lendung. Nächst einer guten Zeichnung wird von
verständnisvoller Verwendung dieser Techniken die
Oualität des Gegenstandes abhängen.


Aonst und Handwerk. 64 Jahr-. Heft 4.

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